SCHLEI-BOTE
Niederdeutscher Literaturpreis
Ausgezeichnet fehl am Platze
Mit damals 124 Jahren die ältesten Preisträger aller Zeiten: "De scheewe Dree" mit Reinhard Goltz, Peter Nissen und Holger Janssen (von links). Foto: Claus Peters
Kappeln. Im November zeichnet die Stadt Kappeln den 20. Preisträger ihres Niederdeutschen Literaturpreises aus. Für den Schlei Boten ist das Anlass für einen Rückblick auf die bisherigen Gewinner.
Im Publikum saßen viele Menschen von der Marine. Daran erinnert sich Dr. Reinhard Goltz sofort. Er stand auf der Bühne, mit ihm Holger Janssen und Peter Nissen. Als "De scheewe Dree" richteten sie ihre Worte damals, 1996, an "marinierte Gäste". 14 Jahre danach sagt Reinhard Goltz: "Ich weiß nicht, ob die das überhaupt verstanden haben."
Das, was das Trio Janssen, Nissen, Goltz seit Ende der 80er-Jahre versucht hat, war, plattdeutsches Kabarett zu machen - "und das, obwohl es bis dahin kaum eine Tradition gab", sagt Goltz. Also definierten die drei ihr Anliegen eben selber. "Wir wollten Alltagssituationen in skurrile Texte verpacken", sagt Reinhard Goltz. "Wollten verrückt und überdreht sein, eben anders als das, was bis dahin häufig auf Platt geboten wurde." Der Stadt Kappeln war genau das ihren Niederdeutschen Literaturpreis wert - eine Entscheidung, die die drei Künstler erstaunt hat. "Wir waren überrascht, dass man uns ausgewählt hatte", sagt Goltz, "weil wir eben so überhaupt nicht in den Mainstream passten".
Den Kappelner Preis kannten "De scheewe Dree" dennoch bestens, und lange habe man damals überlegt, was dem Publikum an der Schlei denn präsentiert werden sollte. "Kitzeln" und "aufstacheln" nennt Goltz als zwei selbstauferlegte Pflichten - "aber ich weiß bis heute nicht, ob uns das auch nur ansatzweise gelungen ist". Frech wollten die drei sein, auf die Gefahr hin, dass das an dem Abend vielleicht nicht hundertprozentig gefragt sein würde. Heute lacht Reinhard Goltz als er sagt: "Vielleicht waren wir tatsächlich ein wenig fehl am Platze. Aber Spaß gemacht hat es trotzdem."
Mittlerweile existiert die kabarettistische Dreier-Konstellation nicht mehr. "Einfach eingeschlafen" sei das künstlerische Miteinander, sagt Goltz - dem Plattdeutschen ist er dennoch treu geblieben. Seit 2002 ist der 57-Jährige Sprecher des Bundesrats für Niederdeutsch, setzt sich im Rahmen der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen für das Niederdeutsche ein. "Für mich gehört Plattdeutsch völlig unzweifelhaft zum Norden dazu", sagt der Wahl-Bremer und gebürtige Hamburger. "Jahrhundertelang haben wir uns nur so verständigt - warum sollten wir es über Bord schmeißen ?" Von Sprachpflege allerdings hält Goltz nicht viel, immerhin sei das Plattdeutsche ja kein Patient. "Ich wünsche mir einfach mehr Selbstbewusstsein und mehr Selbstverständnis um Umgang mit dem Plattdeutschen." Ein Verlangen, das die Kappelner Auszeichnung - so die Einschätzung des Experten - durchaus in der Lage sei, zu stillen. Denn: "Für mich ist der Niederdeutsche Literaturpreis einer der wichtigsten Kulturpreise", sagt Reinhard Goltz. Und noch ein bisschen genauer: "Ich zähle ihn zu den Top drei."
Weiter nach vorne gebracht habe der Preis "De scheewe Dree" trotzdem nur bedingt. Für den Bremer kein Grund zur Traurigkeit - "für uns bedeutete er eine Anerkennung und Bestätigung unserer Arbeit". Vielmehr habe er darauf gehofft, dass irgendwann andere Künstler den kabarettistischen Faden des "einzigen humoristischen Herrenterzetts op Platt" (so die eigene Titulierung) aufgreifen und ebenfalls "verrücktes Zeug" machen würden - "das hat aber nicht funktioniert".
"De scheewe Dree" kehrten noch zwei Mal nach Kappeln zurück. Reinhard Goltz selber war Laudator für nachfolgende Gewinner, saß in den Jahren danach häufig im Publikum. Und an der Bedeutung des Preises lässt er auch 14 Jahre, nachdem er selber die Urkunde in den Händen hielt, keinen Zweifel aufkommen. "Ich weiß gar nicht, ob die Menschen an der Schlei das wissen", sagt er und lacht noch einmal. "Aber einmal im Jahr guckt der ganze Norden nach Kappeln."
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