SCHLEI-BOTE
Gemeinschaftsschule Kappeln
Abschied vom "großen Glückslos"
Tränen bei Frank Sinatras "My Way": Ingo Gulbins und seine Ehefrau Dorothea. Foto: rn (2)
Kappeln. Am Ende war Ingo Gulbins wohl selber ein bisschen überrascht, dass ihn diese gut eineinhalb Stunden so sehr gepackt hatten. Der Mann mit der kleinen runden Brille und dem offenen Lächeln, mit dem festen Auftreten und der sonoren Stimme ist "schwach" geworden. Vielleicht zum ersten Mal in 39 Jahren Dienst an der Kappelner Gemeinschaftsschule. Gestern Mittag verabschiedeten ihn Kollegen, Schüler, Vertreter aus Politik und Verwaltung in den Ruhestand. Es war eine durchweg fröhliche Veranstaltung für den Konrektor der Gemeinschaftsschule - geweint hat Ingo Gulbins trotzdem.
Den Anfang machte Marta Kraft. Für den Schulträger erklärte die Vorsteherin des Nahbereichsschulverbandes den scheidenden Konrektor zu einem "in der Sache streitbaren, aber äußerst engagierten und fairen Pädagogen". Denn: "Eine Schulleitung, die nicht auch manchmal streitet, tut einer Schule nicht gut." Kraft nannte Gulbins "eine der tragenden Säulen" im Zuge der durch die Schulreform bedingten Neuausrichtung der Kappelner Schullandschaft. An einen jungen Wilden zu Beginn der 70-er-Jahre erinnerte Bürgermeister Heiko Traulsen. Während damals das Gros des Lehrerkollegiums in Anzug, Krawatte und weißem Oberhemd zur Arbeit erschienen sei, habe mit Ingo Gulbins 1973 in der zu diesem Zeitpunkt noch städtischen Realschule ein neuer Stil Einzug gehalten. "Jeans, Rollkragenpullover und eine Haarpracht mit John-Lennon-Ausmaß", sagte Traulsen. Dennoch - oder gerade deshalb - sei Gulbins in kurzer Zeit zum Vertrauenslehrer geworden und in der Schülerschaft stets anerkannt gewesen.
Dass Gleiches auch für die Elternschaft galt, zeigte sich, als Anke Lindemann-Katsioulis für den Schulelternbeirat das Wort ergriff. Ihr Dank galt einem stellvertretenden Schulleiter, der Schüler und Eltern stets kompetent begleitet habe. "Manchmal", so Lindemann-Katsioulis, "glaube ich, Ingo Gulbins würde eine gute männliche Hebamme abgeben: Er hat immer Gutes aus seinen Schülern herausgeholt." Den Beweis dafür traten mit Christina Becker und Denise Paulsen die beiden Schulsprecherinnen an. Auch sie attestierten ihrem Konrektor "immer zur Stelle" gewesen zu sein - wenn auch mal mit der ein oder anderen moralischen Zurechtweisung. Und für den Personalrat überreichte Ulf Henniges dem Ruheständler in spe eine persönliche und offenbar sorgsam ausgesuchte Buchauswahl, denn: "Für Sie muss es etwas Besonderes sein."
Etwas Spezielles hatte schließlich auch Elisabeth Ernst für Ingo Gulbins vorbereitet: In einer launigen, mit jeder Menge Fotos gespickten Power-Point-Präsentation zeichnete sie ein sehr persönliches Bild des scheidenden Pädagogen. Und als am Ende Frank Sinatras Klassiker "My Way" erklang, waren viele der Anwesenden auf der Suche nach Taschentüchern - auch Ingo Gulbins. Deutlich schwer fiel es daher im Anschluss auch Lehrerin Claudia Boock, ohne Tränen durch ihre Worte zu kommen. Sie dankte Gulbins für sein Vertrauen, sein Verständnis und seinen Humor - "du wirst uns wahnsinnig fehlen".
Und während Ingo Gulbins eben seit 1973 an der Schule in der Hindenburgstraße unterrichtet, 20 Jahre später Konrektor wurde, stieß die jetzige Schulleiterin Britta Pichatzek erst 2005 zum Team. Den ersten Eindruck, den ihr Stellvertreter bei ihr hinterließ, schilderte sie gestern so: "Möglicherweise hatte ich das große Glückslos mit Ingo Gulbins gezogen." Die Zusammenarbeit sei ihr von Beginn an leicht gefallen. In Ingo Gulbins habe sie einen organisierten, verlässlichen, loyalen und geradlinigen Konrektor an der Seite gehabt, den nichts aus der Ruhe habe bringen können - "eben ein Fels in der Brandung".
Gulbins selber oblag es, die letzten Worte des Tages zu sprechen. Sein Fazit nach 39 Dienstjahren fiel nicht weniger emotional aus, als all die Worte, die davor gefallen waren. "Ich habe den größten Teil meines beruflichen Lebens damit verbracht, das zu tun, was mir das Liebste ist - zu lehren und zu erziehen. Dafür bin ich sehr dankbar." Gleichzeitig schien der Mann, der an diesem Tag im Mittelpunkt stand, fast ein wenig ungläubig, dass tatsächlich ihm all die Aufmerksamkeit galt. "Dieser ganze Aufwand", sagte er daher auch mit einem Kopfschütteln. "Dabei bin ich es doch nur." Wenigstens das letzte Wort würde Britta Pichatzek sofort streichen. Denn auch ihr Resümee fiel eindeutig aus: "Ja, ich hatte das Glückslos gezogen."
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