OSTHOLSTEINER ANZEIGER
Verteidigung gegen die Angst
In ihrem Kurs lernen Marion Barkmeyer (li.) und Anne-Marie Schönke in Rollenspielen, wie sie sich in einer Angriffssituation zur Wehr setzen können. Foto: Resthöft
Eutin. Ein junger Mann, der in Berlin auf einem öffentlichen Platz zu Tode geprügelt wird. Ein 17 Jahre altes Mädchen, dem am helllichten Tage vier Männern in Bargteheide die Handtasche entreißen. Nachrichten wie diese führen dazu, dass bei vielen Menschen - meist Frauen - die Sorge um die eigene Sicherheit steigt. In Berlin beispielsweise registrierte die Polizei in den letzten Monaten regen Zulauf zu Selbstverteidigungskursen.
In Ostholstein aber scheint die Welt noch in Ordnung. "Unsere Mitgliedszahlen sind im letzten Jahr nicht signifikant gestiegen", hat Wolfgang Kaselow, Leiter der Ju-Jutsu-Abteilung beim PSV Eutin, festgestellt. Rund die Hälfte der 100 Mitglieder sei aus sportlichen Gründen dabei, die andere Hälfte zur Selbstverteidigung. Auffällig aber sei, dass oft Eltern ihre Kinder zum Training schicken. "Die sollen dann bei uns Selbstbehauptung und Selbstbewusstsein lernen", so Kaselow. "Damit es erst gar nicht zur Konfrontation kommt", fügt er hinzu.
Ähnliche Erfahrungen wie Kaselow hat auch Martina Baumgardt gemacht. "Die Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen ist eher gleich bleibend", sagt die Besitzerin der Kung-Fu-Schule Eutin. Seit rund einem Jahr trainieren Anne-Marie Schönke und Marion Barkmeyer bei ihr. Allerdings nicht "weil es auf den Straßen so gefährlich ist", wie Barkmeyer betont. Wie auch Schönke ist die Eutinerin über den Sport zur Selbstverteidigung gekommen. "Für das Selbstbewusstsein ist es natürlich sehr gut zu wissen, dass man sich im Notfall verteidigen könnte", sagt Schönke. Nachts alleine auf dunklen Wegen aber sei die Angst trotzdem immer da, fügt Barkmeyer hinzu.
Ganz nehmen kann Trainerin Baumgardt ihren Schülerinnen diese Angst nicht. Das ist aber auch nicht ihr Ziel. "Ich kann in so einem Kurs nicht sagen: Ihr seid jetzt präpariert für die Straße." Ihr geht es viel mehr darum, den Frauen Selbstbewusstsein zu vermitteln. "Wir üben durch den Gang und den Blick zu sagen: Ich bin hier jetzt nicht das Opfer. Die Ausstrahlung ist dabei entscheidend."
Laut Kriminalstatistik für 2012 werden Frauen gar nicht so oft zu Opfern wie befürchtet. "Eine besondere Opfergefährdung von Frauen und älteren Menschen ist bei der Betrachtung der Straftaten insgesamt nicht erkennbar", heißt es dort. Insgesamt wurden im Jahr 2011 179 Frauen in Schleswig-Holstein auf Straßen oder Wegen überfallen, 30 in ihren Wohnungen. Opfer von gefährlicher Körperverletzung wurden 1303 Frauen im Land - ein Anteil von 21,8 Prozent. Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen verzeichnet die Statistik 256 für das Jahr 2011. "Es wird deutlich, dass die in der Öffentlichkeit stark beachteten Delikte wie Gewaltkriminalität und Sexualdelikte nur einen sehr kleinen Teil der Kriminalität repräsentieren. Die Berichterstattung über Kriminalität führt daher zu einer verzerrten Wahrnehmung von Kriminalität", heißt es im Bericht.
Ähnlich sieht das auch
Jürgen Gertz, Präventionsbeauftragter der Polizeidirektion Lübeck. "Es sind nicht mehr Straftaten geworden. Es wird nur häufiger darüber berichtet", sagt Gertz. Dem widerspricht Jens-Uwe Dankert, Vorsitzender des Weißen Rings in Ostholstein. "Stalking wird immer mehr, und auch die Zahl der Sexualdelikte ist angestiegen",
berichtet Dankert aus seinen Erfahrungen. "Die Bedrohungsängste sind in den letzten Jahren gewachsen." Darauf reagiert der Weiße Ring, indem er eigene Selbstverteidigungskurse anbietet. "Die Nachfrage ist sehr groß", schildert Dankert. So groß, dass der Weiße Ring seinen Präventionsbereich künftig ausbauen will.
Doch egal, wie gut vorbereitet Frauen durch einen Präventionskurs auch sein mögen: "Im Notfall ist Weglaufen immer noch am Besten", rät Marion Barkmeyer.
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