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Archiv Agricola
Bedeutende Briefe und ein Claudius-Porträt
Eutin. Von einem Glücksfall spricht Dr. Frank Baudach, Leiter der Eutiner Landesbibliothek: Die Einrichtung hat von Nachfahren des Dichters Matthias Claudius (1740 bis 1815) und seines Schwiegersohnes Friedrich Perthes (1772 bis 1843) das Familienarchiv übernommen: Das "Archiv Agricola", benannt nach einer Linie der Nachfahren, enthält rund 2.800 Schriftstücke, 100 Bücher, ein Medaillon des Perthes-Sohns Matthias und ein Öl-Porträt Matthias Claudius’, gemalt von Friederike Leisching. Die Hamburger Jürgen-Wessel-Stiftung unterstützte den bereits im November 2011 erfolgten Ankauf mit einer Summe von 19.000 Euro.
Kernstück der Sammlung sind aus Baudachs Sicht 380 Briefe und des christlich-patriotischen Buchhändlers Friedrich Perthes an seinen Sohn Matthias, Pastor in Hamburg-Moorburg, und dessen rund 360 Gegenbriefe, die über die private Familiengeschichte hinaus in eindrucksvoller Weise die Verlags-, Geistes-, und politische Ideengeschichte der Zeit spiegelten. Perthes sei nicht nur einer der wichtigsten Buchhändler und Verleger Hamburgs gewesen, der 1825 den Anstoß zur Gründung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Leipzig gegeben habe. Er habe im Hamburger Schicksalsjahr 1813 auch eine bedeutende Rolle im Widerstand gegen die napoleonischen Besatzungstruppen gespielt, was ihm von Seiten der Franzosen eine Verurteilung zum Tode eingebracht habe.
Erfolglose Klage gegen Johann Heinrich Voß
Was Perthes für die Landesbibliothek so interessant macht, ist sein Bezug zu Eutin. "Mit entscheidend für seine politische und religiöse Entwicklung war auch der Kontakt zu den Eutinern Friedrich Heinrich Jacobi und Friedrich Leopold Graf zu Stolberg", erläutert Baudach. Auch nach Stolbergs aufsehenerregender Konversion zum Katholizismus 1800 habe er als Freund und Verleger zu ihm gehalten. Gegen den "Rationalisten" Johann Heinrich Voß habe er nach dessen Streitschrift gegen Stolberg sogar - erfolglos - eine Beleidigungsklage angestrengt.
Angesichts dieser Sachlage sei die Anfrage der Landesbibliothek "fast ein Selbstläufer" gewesen, erklärte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Jürgen-Wessel-Stiftung, Hans-Jochen Arndt. "Das passt zu 100 Prozent zu dem, was der Stifter wollte." Im Jahr 2006 habe der Lübecker Zeitungsverleger Jürgen Wessel in seinem Testament geschrieben, gefördert werden sollten historische Museen und heimatkundliche Sammlungen und Dokumentationen zur Bewahrung des Fleißes und der Schaffenskraft der früheren Generationen. Aufgrund der Verbindung zu Jacobi und Stolberg sei ein direkter lokaler Bezug da, sagte Arndt. "Deswegen war es aus Sicht der Stiftung wichtig, das Archiv nach Eutin zu holen."
Hauptnachlass befindet sich im Hamburger Staatsarchiv
Der Hauptnachlass Perthes’ befindet sich zwar im Hamburger Staatsarchiv in Wandsbek. Dennoch habe die Familie ihr Archiv gerne nach Eutin gegeben, sagte Baudach. Für die Landesbibliothek ist der Neuerwerb nach der Sammlung Dreyer-Eimbcke und dem Hellwag-Nachlass der dritte große Sammlungszuwachs der vergangenen Jahre. In Eutin soll die Sammlung möglichst schnell geordnet und vor dem Verfall geschützt werden. "Jeder Brief kommt in einen säurefesten Aktendeckel", erläuterte Baudach. Bedeutende Exemplare, die bereits vom Säurefraß angegriffen seien, kämen zum Restaurator. "Das kostet 30 Euro pro Blatt." Damit steht das Archiv Agricola künftig der Wissenschaft zur Verfügung. Das wird, so hofft Baudach, den einen oder anderen Forscher, der sich mit Perthes beschäftigt, nach Eutin locken.
Bibliotheksleiter Dr. Frank Baudach wird am Mittwoch, 16. Januar, ab 19.30 Uhr im Seminarraum der Landesbibliothek unter dem Titel "Friedrich Perthes - ein deutscher Buchhändler" das Archiv Agricola vorstellen. Dabei wird er eine Einführung in Leben und Werk des weit über deutsche Verlags- und Buchhandelsgeschichte bedeutenden Buchhändlers geben.
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