NORDFRIESLAND TAGEBLATT

 

Film über nordfriesische Bräuche: "Zeitreise" in eine Region der Vielfalt

06. Februar 2012 | Von Rüdiger Otto Brocken

Nordfriese und Nordfriesland-Fan: Martin Tiefensee. Foto: hn

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Nordfriesland. "Bräuche gibt es überall auf der Welt", sagt Prof. Dr. Thomas Steensen, Direktor des "Nordfriisk Instituut" in Bredstedt. Doch weil Nordfriesland ein "Land der Vielfalt ist", fänden sich hier besonders viele auf engstem Raum. Diese Erfahrung machte auch der Husumer Filmemacher Martin Tiefensee, als er vor vier Jahren über einen Dokumentarfilm zum Thema Brauchtum nachzudenken begann. Inzwischen ist der 68-minütige Film fertig und hat am nächsten Donnerstag, 9. Februar, 19.30 Uhr, im Husumer Kino-Center auf der Neustadt Premiere. Der Titel: "Nordfriesische Bräuche - Eine Zeitreise".

"Ich interessiere mich für alte Fotos", blickt Martin Tiefensee auf die ersten vagen Überlegungen zu seinem ambitionierten Vorhaben zurück. "Da gehen mir immer sofort Geschichten durch den Kopf." Geschichten, denen er in den vergangenen zwei Jahren auf den Grund gegangen ist und die Tiefensee - ganz im Stil früherer Produktionen - die Protagonisten selbst erzählen lässt.

Zum Beispiel Julius Nickelsen: Biikebrennen, das sei früher ein reines Kindervergnügen gewesen, erinnert sich der verstorbene einstige Bürgermeister von Oldsum auf Föhr, während eine vergilbte Schwarzweiß-Fotografie rauchende Jungs vor einem schmauchenden Scheiterhaufen zeigt. Erst in den 1960er- und 1970er-Jahren seien Biiken (Friesisch: Feuerzeichen) immer häufiger auch auf dem Festland entzündet worden, ergänzt Prof. Volkert F. Faltings von der Föhrer Ferring-Stiftung - einem der vielen Archive, in denen Tiefensee das historische Bild- und Filmmaterial für seinen Streifen zusammengetragen hat.

Es ist diese Mischung aus alten Bildern, Erinnerungen von Zeitzeugen und wissenschaftlichen Kommentaren, die Tiefensees Film so lebendig macht, wie es viele der Bräuche, die er zeigt, bis heute geblieben sind. Fast zu schön, um wahr zu sein, wie eine junge Föhrerin in Friesentracht erklärt, dass sie nicht "cool rüberkommen", sondern die Tradition pflegen möchte - "als Teil meiner Identität". Ein Mitglied der Tanz- und Trachtengruppe Mildstedt bestätigt dies auf seine Weise: "In der Tracht steigt man in eine andere Zeit", sagt die Frau und steht doch mit beiden Beinen im Leben.

Tiefensees Film spiegelt lebendiges Brauchtum unterhaltsam und erkenntnisreich vor historischer Kulisse. So erfährt der Zuschauer, dass ein friesischer Volkssport wie das Boßeln wahrscheinlich auf holländische Einwanderer zurückgeht oder dass es sich bei den Hualewjonken (Friesisch: Halbdunkel, weil man sich im Halbdunkel traf) um Föhrer Jungmännervereine handelte, die sogar den Nazis nicht geheuer waren. Und natürlich, dass eine Jagd auf Eiderstedt ohne Klotstock gar nicht denkbar gewesen wäre.

Und Tiefensee? Wie steht es um sein persönliches Verhältnis zum nordfriesischen Brauchtum? "Nun, auch ich bin in meiner Kindheit gern Rummelpott gelaufen", gesteht der Filmemacher, "als Kapitän verkleidet." Das macht er heute nicht mehr, aber nach der Biike lecker Grünkohl essen, "da sag’ ich nicht Nein".

Der Film "Nordfriesische Bräuche" wurde von der Filmförderung Schleswig-Holstein/Hamburg unterstützt. Die Musik schrieb Nospa-Kulturpreisträger Detlef Petersen. Und als Sprecher konnte Tiefensee den Wahl-Nordstrander Schauspieler und Dozenten Hans-Peter Bögel gewinnen, mit dem er schon für seinen Pole-Poppenspäler-Film zusammengearbeitet hat. Der eine oder andere dürfte am 9. Februar in das Kino-Center kommen - wie hoffentlich auch viele Protagonisten des Films und natürlich all jene, die sich für nordfriesisches Brauchtum interessieren. Wie resümiert Prof. Faltings: "Bräuche, die starr sind, sind tot." Tiefensee zeigt, wie lebendig sie sind.


 

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