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Ausflug in ein "unsichtbares" Wattenmeer

04. September 2010 | 04:30 Uhr | Von Simone Mommsen

Wie fühlt er sich an? Blinde Jugendliche "erforschen" einen Wattwurm. Foto: mone

Nordstrand. "Das müsst ihr probieren - auf Sylt zahlt man viel Geld dafür", lacht Wattführer Robert Brauer. Sorgsam halten die so Angesprochenen den Queller in der Hand, streicheln langsam über das Gewächs und führen es zum Mund. Einige verziehen das Gesicht, andere kauen und schlucken den Mini-Happen herunter. Für Robert Brauer ist diese Exkursion eine besondere Herausforderung. Er darf nicht einfach sagen: "Schaut mal, dahinten am Horizont. . ." - oder "Ihr seht hier einen Wattwurm". Denn der Nordfriese ist mit blinden Menschen im Weltnaturerbe unterwegs.

Zusammen mit ihren Betreuern sind sie Gäste des diesjährigen internationalen Blindencamps der Leos, der Jugendorganisation des Lions-Clubs. Finanziert und initiiert wird dieses Angebot von den Lions-Clubs des norddeutschen Distriktes 111-N, durch Spenden und der aktiven Mithilfe der örtlichen Organisationen - in diesem Fall des Lions-Clubs Husum-Goesharde. Alle zwei Jahre kommen auf diesem Wege annähernd 20 Jugendliche im Alter von 16 bis 26 Jahren aus ganz Europa zusammen und genießen zwei Wochen lang ein buntes Programm.

Und nun stehen die jungen Frauen und Männer des Camps 2010 mitten im Wattenmeer bei Fuhlehörn und lassen sich vom Vizepräsidenten des Leo-Blindencamps, von Betreuer Fabian Hesselschwerdt, die Geschichten des Wattführers ins Englische übersetzen. Alle erfahren viel Neues - angefangen bei der Tiede bis hin zu Wissenswertem über Getier, das im Watt kreucht und fleucht. Auch eine Lahnung wird befühlt - vorsichtig ertasten die Jugendlichen das für sie Unsichtbare. Später gleiten ihre Hände über die Wattoberfläche und erspüren die Rillen, die das Meerwasser hinterlassen hat. Sie riechen die salzige Luft, lassen sich Krebse auf die Hände legen und durchwandern einen Pril. Der weite Blick in die Natur, von dem Urlaubsgäste schwärmen, bleibt ihnen verborgen - Fantasiebildern überlassen bleiben ebenso die Pferde, die Kutschen auf dem Weg von Nordstrand zur Hallig Südfall durch das Watt ziehen.

Robert Brauer unternimmt die Blindenführung zwar nicht zum ersten Mal, aber er muss sich sehr konzentrieren, damit er nicht zu schnell redet oder zu kompliziert erklärt. Dolmetscher Fabian Hesselschwerdt übersetzt Worte wie Wellhornschnecke, Klaffmuschel und Rocheneikapsel - die beiden Männer sind engagiert bei der Sache. Die blinden Jugendlichen stellen Fragen und halten sich im tiefen Schlick eng an ihre sehenden Betreuer. Sie vertrauen ihnen und lassen sich durch Unwegsamkeiten lenken. Über Sand und Asphalt geht es zurück zum Deich. "Vergesst das Wattenmeer und den Scout nicht", verabschiedet sich Robert Brauer und erhält zum Dank Applaus.

Auf dem festen Land wartet noch eine Überraschung auf die Gruppe. Dieter Radusch, Mitglied des Lions-Club Husum-Goesharde, verteilt Krabben an alle. Auspulen und essen steht nun auf dem Programm. Das dauert nicht lange, denn jeder hat nur ein Meeresgetier bekommen. Anschließend serviert Radusch zusammen mit Hans-Jürgen Frahm, Chairperson der Lions des nördlichen Schleswig-Holsteins, Krabbenbrötchen. Für jeden gibt es nur ein halbes, was aber nichts mit Geiz zu tun hat. "Bei einem ganzen Brötchen können die Krabben nicht so gut auf den Lippen gespürt werden", erklärt Dieter Radusch.

Nachdem allen der "Klassiker" gemundet, geht es weiter zum Kinder- und Jugendhaus "St. Franziskus". Dort darf der "Abenteuer-Landschaftsgarten" und der "Garten der Sinne" erkundet werden.


 

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