NORDDEUTSCHE RUNDSCHAU
Ray Wilsons cooles Konzert in der Kerzenhof-Scheune
Schafstedt. Es braucht nicht viel, um einen Rock-Star zum Konzert zu bitten: Eine um einen Gartenpavillon und ein großes Zelt erweiterte 50-Quadratmeter-Scheune, eine Bühne, die allein durch das Mikrofon auf dem Ständer und ein Keyboard sowie die zwei kleine Boxentürme als solche erkennbar ist, und ein Bühnenhintergrund aus schwarzem Stoff, der mit Büchern auf einem Mauervorsprung fixiert ist.
Kein geringerer als Ray Wilson gab sich am Freitagabend bei niedrigen Temperaturen auf dem Schafstedter Kerzenhof die Ehre. Der Schotte, dessen musikalische Karriere 1994 mit seiner Band "Stiltskin" begann, war bereits drei Jahre später für einige Zeit Sänger bei Genesis, nahm mit ihnen das Erfolgsalbum "Calling All Stations" auf und war beim Expo-Konzert der Scorpions zu Gast. Nach dem Ausstieg bei Genesis konzentriert sich Wilson auf Soloprojekte. In diesem Rahmen bevorzugt der Mann, der vor ausverkauften Stadien sang, den ganz engen Kontakt mit dem Publikum und tourt durch kleine und kleinste Clubs wie den Kerzenhof.
Dort war gut dran, wer die Örtlichkeiten kannte und sich wärmende Decken mitgebracht hatte. Den anderen blieb der heiße Kaffee als kleine Wärmequelle für das Beinahe-Open-Air. "Welcome to Ray Wilsons’s Wintertour", flachste der Sänger zur Begrüßung. Doch die ersten Akkorde ließen die winterliche Atmosphäre schnell vergessen, das Publikum rückte dicht vor die "Bühne". Wer weiter hinten gesessen hatte, nutzte schnell seinen Stuhl als Stehmöglichkeit, um über die Köpfe nach vorne gucken zu können, wo Ray Wilson zur akustischen Gitarre griff und vornehmlich Genesis-Hits von "Land of Confusion" über "No Son of Mine" bis hin zur "Jesus, He Knows Me" und dem noch aus der Zeit mit Peter Gabriel als Sänger stammenden "Carpet Crawlers" anstimmte. Stücke, die eigentlich nicht für akustische Instrumente geschrieben seien, wie der 41-Jährige erklärte. Doch die mischten sich gut mit Musik seiner eigenen Alben, etwa "Propaganda Man" oder "Goodbye, Baby Blue".
Aber es war ausgerechnet ein Song aus früheren musikalischen Tagen des Schotten, der das Publikum endgültig aus der Reserve lockte, der "Airport Blues". Diesen "Flughafen-Song" widmete er seinem Bruder Steven, der auf dem Flugplatz in Stockholm festsaß. Immerhin, zu seinem großen Erstaunen applaudierte das Publikum am Ende sogar für den abwesenden Gitarristen ebenso wie für den polnischen Keyboarder Filip Walcerz, dessen Spiel zum Gelingen eines außergewöhnlichen Konzertabends beitrug. Die Atmosphäre erinnerte stark an eine große Gartenparty - trotz winterlicher Temperaturen. Immerhin zeigte das Thermometer gerade mal vier Grad an, als sich Wilson nach drei Zugaben und zwei Stunden bester Live-Musik gegen 23 Uhr mit einem fröhlichen "Thank für coming to Schafstedt Summer-Festival" verabschiedete.
Da der so genannte Backstage-Bereich auf der anderen Seite des Hofs im Wohnzimmer der Kerzenhof-Betreiber Stephan und Dorte Bork lag, nutzten viele die Gelegenheit, sich vorher noch mit dem Star fotografieren zu lassen, bevor er bereitwillig Autogramme auf CD-Cover setzte.
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