NORDDEUTSCHE RUNDSCHAU
Männerberufe: Frauen auf dem Vormarsch
Mutig in der Berufswahl: Leonie Schlick und Lea Wittig (rechts) haben mit ihrem dualen Studium an der Nordakademie so gute Erfahrung gemacht, dass sie Schülerinnen wie Angela Bisping, Sarah Marie Fietz und Lalä Häsänli für eine Karriere in Männerberufen begeistern wollen.
Kreis steinburg. Eine arbeitende Frau, die für den Unterhalt der Familie sorgt, war vor einigen Jahrzehnten noch die Ausnahme. Das Idealbild von der Frau am Herd ist heute längst überholt. Das weibliche Geschlecht verdient sich sein eigenes Geld, als Ärztin, Lehrerin oder auch Floristin. In einige Domänen sind arbeitende Frauen aber auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch nicht vorgedrungen. In MINT-Berufen (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), sind sie deutlich in der Minderheit - noch.
Dass zunehmend mehr Frauen in Männerdomänen Fuß fassen, hat sich die Aktion "Macht mit bei MINT - Zukunftsberufe für Frauen" auf die Fahnen geschrieben. Ins Leben gerufen hat die Initiative die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan. Ziel ist es, das Interesse von Mädchen und Frauen an MINT zu wecken und zu fördern. "Es war uns wichtig, ebenfalls im Kreis Steinburg MINT und die Initiative bekannt zu machen", resümiert Svenja Brandt, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Steinburg. Deshalb hat ein Arbeitskreis einen Aktionstag auf die Beine gestellt, der Mädchen aller Schularten Männerberufe näher bringen soll. Die Resonanz war groß: Rund 250 Mädchen strömten gestern ins Fraunhofer Institut für Siliziumtechnologie (ISIT), um sich einen Einblick in MINT-Berufe zu verschaffen. Experten aus drei Hochschulen und zwölf Betrieben standen den Mädchen Rede und Antwort.
"Der Ansturm war riesig. Damit hatten wir nicht gerechnet - als hätten sowohl Firmen als auch die Mädchen nur auf so ein Angebot gewartet", fasst Jürgen Oldigs, Koordinator für Schule und Wirtschaft der Kreise Pinneberg und Steinburg, zusammen.
Dem ist tatsächlich so: "Ich finde die Veranstaltung sehr interessant und vor allem wichtig. So können Mädchen auch mal in diese Berufe reinschnuppern", erklärt Laureen Pahl (16). "Der Aktionstag ist eine Möglichkeit, Vorurteile auszuräumen und den Mädchen zu verdeutlichen, dass sie eine Wahl zu haben", unterstreicht Doris Schneider von der Beratungsstelle Frau & Beruf. Vor allem wird den Mädchen die Skepsis genommen, so wie Angela Bisping (16): "Ich wollte mich überzeugen, dass auch ich das Potenzial habe, so einen Beruf zu ergreifen und dass auch Frauen es schaffen können." Dass es sich lohnt, nicht auf Meinungen anderer und Vorurteile zu hören, sondern selbstbewusst seinen Weg zu gehen, demonstrierten vier Frauen mit ihrem Vortrag. Maike Ermisch, Andrea Guß, Isabell Melzer-Pellmann und Meike Johannsen haben ihren beruflichen Weg bereits erfolgreich eingeschlagen und in MINT-Berufen Fuß gefasst. Sie alle arbeiten im Forschungszentrum Desy. Meike Johannsen ist Diplom-Ingenieurin für Elektrotechnik. "Als Kind dachte ich, ich möchte Arzthelferin werden, also einen typischen Frauenberuf ergreifen", berichtet die 42-Jährige. Nach dem Realschulabschluss begann sie eine Ausbildung zur Arzthelferin, ihr Ziel ließ sie aber nicht aus den Augen. Sie holte ihr Abi nach und studierte Elektrotechnik. "Mein Vater war anfangs skeptisch, heute ist er richtig stolz auf mich." Sie rät den Mädchen: "Macht das, woran ihr Spaß habt, egal was andere sagen."
Tatsächlich sind weibliche Arbeitskräfte sogar sehr gefragt. "Mädchen erbringen oft bessere schulische Leistungen", weiß Jürgen Oldigs. Auch Thorsten Cornelsen, Ausbildungsmeister für Elektrotechnik bei der Firma Holcim hält viel von Frauen in Männerberufen. "Das Arbeitsklima wird dadurch besser. Und handwerklich sind Frauen genauso begabt wie Männer." Er ist zuversichtlich, auch im nächsten Ausbildungsjahr wieder Damen im Betrieb begrüßen zu können. Immer mehr Betriebe seien zudem familienfreundlich gestimmt - Frauen also nicht benachteiligt. "Aber auch Universitäten müssen frauenfreundlicher werden, damit junge Akademikerinnen sich überhaupt für ein MINT-Studium entscheiden", betont Claus Wacker, Pressesprecher des ISIT. "Vor allem muss etwas gegen den Informationsmangel getan werden, damit Vorurteile abgebaut werden", ergänzt Svenja Brandt. "Und Mädchen müssen mutiger werden und sich trauen, die Berufe zu ergreifen." Jürgen Oldigs: "Ich hoffe, dass die schematische Starre aufgebrochen wird und das Interesse für MINT geweckt wurde." Aufgrund der großen Resonanz plant die Arbeitsgruppe einen zweiten Aktionstag noch im laufenden Schuljahr.
Zukunftsberufe für Frauen
Die Bundesregierung hat die Qualifizierungsinitiative für Deutschland ins Leben gerufen. Ein Schwerpunkt der Initiative ist, das Interesse an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu fördern. Den Aktionstag im Kreis Steinburg veranstalteten das Schulamt des Kreises, die Kreisfachberatung für Berufsorientierung, die Beratungsstelle Frau & Beruf, die Beratungsstelle der Agentur für Arbeit, der regionale Koordinator für Schule und Wirtschaft (Pinneberg/Steinburg) und die Gleichstellungsbeauftragten des Kreises sowie Glückstadt und Itzehoe.
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