NORDDEUTSCHE RUNDSCHAU

 

Gequält, misshandelt und missbraucht

27. September 2010 | 06:27 Uhr | Von Jürgen Kewitz

Die Ausstellungseröffnung stieß auf großes Interesse. Zur Vernissage erschienen auch Bürgervorsteher Ulf Ostermann und Kreispräsident Hans-Friedrich Tiemann (vorne rechts).

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Glückstadt. Mit der gestern im Detlefsen-Museum eröffneten Ausstellung "FÜR.SORGE.ERZIEHUNG" ist ein Stück Vergangenheit in die Elbestadt zurückgekehrt. "Bei der Ausstellung geht es nicht darum, Glückstadt und seine Einwohner mit dieser Einrichtung und der Tätigkeit und der Arbeit gleichzusetzen", sagte Professor Dr. Christian Schrapper von der Universität Koblens-Landau. Vielmehr habe es viele Mitarbeiter gegeben, die ordentlich ihrer Pflicht nachgekommen seien.

Die noch bis 31. Oktober zu sehende Ausstellung dokumentiert schonungslos, was es mit Drohgebärden anderer Heime im Land, wie "in Glückstadt werden die Dich schon klein kriegen", wenig fürsorglicher Hausordnungen und Selbstmorden von Zöglingen, aber auch Gruppenterror und Gewalt unter den Jugendlichen selbst auf sich hatte. Ermöglicht wurde die Ausstellung durch eine von der früheren Sozialministerin des Landes Schleswig-Holstein, Dr. Gitta Trauernicht, in Auftrag gegebene und von der "Aktion Mensch" sowie der Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein geförderte Aufarbeitung durch Professor Dr. Christian Schrapper. Herausgekommen sind erschreckende Erkenntnisse über einen zwischen 1945 und 1975 aus heutiger Sicht ohne Fingerspitzengefühl stattgefundenen Umgang mit schwer erziehbaren Jugendlichen.

"Wir eröffnen heute eine Ausstellung, die ein Thema behandelt, das unmittelbar zur jüngeren Geschichte von Glückstadt gehört und deswegen im Detlefen-Museum gezeigt wird", sagte Museumsdirektorin Dr. Catharina Berents vor großer Zuschauerkulisse. Die Dokumentation handele von einem jahrlangen Verstoß gegen die laut Grundgesetz unantastbare Würde des Menschen. Es gehe um Menschen, die noch minderjährig waren, um Jugendliche und zum Teil um Kinder. "Sie wurden Opfer einer Institution, die ihren Namen 'Fürsorgeheim' nicht verdient hat", meinte Dr. Berents. Sie dankte dem anwesenden Rolf Breitfeld und anderen ehemaligen Bewohnern des Landesfürsorgeheims, ohne deren Mitwirken die Ausstellung niemals zustande gekommen wäre. "Sie waren bereit, über das schreckliche Kapitel in ihrem Leben zu sprechen." Professor Dr. Christian Schrapper , der auch ausführlich auf das Thema und die Ausstellung einging, lobte die Museumsdirektorin. "Ich finde es mutig, dass Sie die Ausstellung ins Stadtmuseum holen und so prominent eröffnen sowie ankündigen."

Kreispräsident Hans-Friedrich Tiemann räumte in seiner Rede ein, dass ihm bis vor kurzem Hintergründe und Fakten über rohe Gewalt, Misshandlungen und Missbrauch im Landesfürsorgeheim in dieser Form nicht bekannt gewesen seien. Beim Lesen von Unterlagen habe er Gänsehaut bekommen. "Betroffen hat mich das Leben in der Anstalt gemacht, betroffen aber auch, dass hier Kinder und Jugendliche vor der Einweisung in das Heim auch von ihrem Elternhaus in Stich gelassen wurden." Vor dem Hintergrund des Versagens der damaligen Landesregierung und eines aus Kostengründen verhinderten Neustarts mit besseren Bedingungen frage er sich zudem, wie man mit Schuld und Versagen umgehen sollte. Eine "billige Entschuldigung" reiche da nicht aus.




 

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