NORDDEUTSCHE RUNDSCHAU

 

Menschenkette: Ein Volksfest am Brokdorfer Elbdeich

26. April 2010 | Von Jochen Schwarck

Brokdorf. Fast Volksfeststimmung herrscht am Brokdorfer Elbdeich, als am Sonnabend die 120 Kilometer lange Menschenkette gebildet und für 30 Minuten bei sonnigem Frühlingswetter gehalten wird. "Hopp, hopp, hopp - Atomkraft Stopp" singen die Menschen auf dem Deich und hüpfen dazu. Andere stimmen das von früheren Brokdorf-Demonstrationen bekannte Anti-Atom-Lied "Wehrt euch, leistet Widerstand gegen jedes Atomkraftwerk im Land, schließt euch fest zusammen!" an. Wieder andere Protestler skandieren lautstark einfach nur: "Abschalten!"

Ausschreitungen gibt es keine, die Demonstration läuft friedlich ab. Und: "Das erwartete Verkehrschaos ist ausgeblieben", sagt ein Polizeisprecher zufrieden. Busse haben ihre Passagiere am Deich abgesetzt und sind dann an der Eissporthalle geparkt worden.

Jubel brandet auch in Brokdorf auf, als die Zahl der Demonstranten bekannt gegeben wird. Dennoch gibt es vor allem zwischen Arentsee und Büttel oder auf der weiteren Strecke in Richtung Störsperrwerk die eine oder andere Lücke, während sich andernorts die Kernkraftgegner sogar dreireihig an der Elbe aufgebaut haben. Auf der zehn Kilometer langen Strecke zwischen Brokdorf-Arentsee und dem Störsperrwerk sind die Atomkraftgegner aus der Wilstermarsch für die Organisation verantwortlich. Unterstützung finden sie in ihren Freunden aus dem Raum Braunschweig und Salzgitter. "Wir sind mit 20 Bussen angereist", so Peter Dickel. Aus Nordhessen gab’s sogar einen kompletten Sonderzug bis Itzehoe.

Peter Dickel von der in Salzgitter ansässigen Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad sowie die für die Wilstermarsch tätigen Organisatoren Jürgen Ruge und Heinrich Voß sind zufrieden. "Unsere Erwartungen wurden übertroffen. Mit unserer Menschenkette haben wir ein deutliches Zeichen gesetzt", sagt Dickel. "Bei diesen Zahlen kann die Politik nicht an unserem Protest vorbei gehen", fügt Heinrich Voß hinzu. Jetzt habe man die Chance, umzupolen auf erneuerbare Energien und aus der Atomenergie auszusteigen. Voß kritisiert "die nach rückwärts gerichtete Politik der Landesregierung", den Raum Brunsbüttel für Kohlekraftwerke freizuhalten und die Kohleanlandung zu einem Schwerpunkt des Elbehafens zu machen.

Die Kritik an der Atomenergie bringen auch Theo Christiansen von der Nordelbischen Kirche, Alexander Sönnichsen von Aldra-Solar in Meldorf sowie als abschließender Gastredner Klaus Ernst von der Partei "Die Linke" zum Ausdruck. Allerdings stößt der Auftritt des stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Linken nicht bei allen Atomkraftgegnern auf Zustimmung.

Der Grünen-Landtagsabgeordnete Bernd Voß aus Nortorf hat sich seinerseits in die Menschenkette eingereiht. Zuvor verkaufte er die gelben Protest-Spruchbänder an die Teilnehmer. Mit den Einnahmen wird der Spendentopf für die Gesamtaktion gefüllt, schließlich werden die Kosten der Menschenkette mit 200.000 Euro beziffert. Bis zum Veranstaltungstag fehlten dazu noch rund 30.000.

Unmittelbar vor Beginn der Menschenkette karrt Heinrich Voß mit seinem Trecker und zwei landwirtschaftlichen Anhängern 50 (leere) Atommüllfässer an den Elbdeich. Neben dem Südtor des Kernkraftwerks werden die gelben Fässer in drei Schichten übereinander gestapelt. Mit "Annahme verweigert, zurück an Absender" sind die Fässer beschriftet, um sie symbolisch vor dem Atommeiler abzustellen.

Am Marktplatz in Wilster hatten sich zuvor um 12 Uhr rund 50 Kernkraftgegner versammelt, um gemeinsam mit ihren Fahrrädern Richtung Brokdorf zu starten. Zu diesen Radlern gehörten Student Sven Scheffel (23) und die 21-jährige Schülerin Dorothee Ottemeyer, beide aus Itzehoe. Sie hatten ihren Protest in Großbuchstaben auf ihren T-Shirts plakatiert: "Der Spaß ist vorbei!" und "Na, dann gute Nacht!"


 

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