NORDDEUTSCHE RUNDSCHAU
Eisgang: Schüler findet Gastfamilie
Glückstadt. Jean-Paul Ehlers kann sich jetzt morgens eine Stunde länger im Bett räkeln. Denn der 17-Jährige wohnt zurzeit bei einem Freund in Glückstadt. Unfreiwillig. Die Fähre fährt nicht mehr - es ist zu viel Eis auf der Elbe. Der Schüler wohnt normalerweise in Freiburg in Niedersachsen. Das Gymnasium besucht er in Schleswig-Holstein - in Glückstadt auf der anderen Seite der Elbe. Sein normaler Schulweg: Morgens fahren ihn seine Eltern mit dem Auto zur Fähre Wischhafen. In Glückstadt angekommen, schwingt er sich auf sein Rad, um noch drei Kilometer zum Detlefsengymnasium zu fahren.
Neun Schüler im Alter von zehn bis 17 Jahren aus Niedersachsen haben diesen täglichen Schulweg. Als das Fährpersonal ihnen ankündigte, dass der Fährverkehr eingestellt wird, fragte Jean-Paul spontan seinen Freund Merten Kröncke (17), ob er bei ihm wohnen kann. Für die Eltern Rüdiger und Kirsten Kröncke ist dies kein Problem. Die beiden Mitarbeiter des Finanzamtes hatten bereits mehrfach Austauschschüler und sind somit jungen Besuch gewöhnt. Und da Mertens Schwester Lara (19) seit kurzem eine eigene Wohnung hat, ist Jean-Paul in ihr Zimmer eingezogen. "Ich fühle mich hier wohl", sagt er zu seinem neuen Zuhause.
Der 17-Jährige besucht seit drei Jahren auf das Detlefsengymnasium und ist bereits so lange mit Merten befreundet. Die beiden guten Schüler gehen in eine Jahrgangsstufe, machen oft Schularbeiten zusammen und treffen sich häufig am Wochenende. Meist fährt Merten dann nach Freiburg. "Eine lange Reise", sagt Merten. "Ich bin dann eine Stunde und zehn Minuten unterwegs." Auch er fährt mit der Fähre und dann weiter mit dem Rad. "Ich könnte mir gar nicht vorstellen, solch einen langen Schulweg zu haben."
Die Wege der neun niedersächsischen Schüler zum nächst gelegenen Gymnasium sind ähnlich weit wie nach Glückstadt. Jean-Pauls Eltern, beide Kunstlehrer, rieten ihm nach Glückstadt zur Schule zu gehen. Entscheidungshilfe gaben auch andere, die ihn damals mit den Worten beruhigten: "Die Elbe friert nur alle 25 Jahre zu." Darüber muss er heute schmunzeln. Denn es ist das dritte Jahr in Folge, dass er sich Gasteltern in Glückstadt suchen musste. Die Alternative ist die Bahnfahrt über Hamburg, die bis zu zweieinhalb Stunden dauern kann.
Jean-Paul wird wohl länger bleiben müssen, denn die Fähre fährt erst wieder, wenn es getaut hat. "Das sieht nicht gut als, es sollen ja 20 Grad Minus werden." Was ihm gefällt: Statt um 5.30 Uhr muss er jetzt erst um 6.30 Uhr hoch. Nach einem gemütlichen Frühstück fährt er mit Merten gemeinsam mit dem Rad zur Schule. Während Jean-Paul bisher mittags in der Schulmensa gegessen hat, wird der Mittagstisch jetzt wohl abwechslungsreicher: Mal in der Schule essen, mal mit Merten in die Döner-Bude gehen oder am heimischen Mittagstisch Leckeres von Mama Kirsten Kröncke genießen.
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