LANDESZEITUNG
Rendsburg/Kanada
"Seine Heimat wird man niemals los"
Rendsburg. Er kommt mit seinem eigenen Flugzeug zur Arbeit. Peter Faust erzählt das beiläufig. Auf Vancouver Island ist das normal. Vor 37 Jahren verließ der Rendsburger Deutschland Richtung Kanada. Heute hat er eine kleine Firma in Vancouver, lebt 40 Kilometer entfernt von der Metropole und erhielt kürzlich einen kanadischen IT-Innovationspreis - Höhepunkt einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Jetzt war der 67-Jährige zu Gast an seiner alten Ausbildungsstätte - der Rendsburger Freien Waldorfschule - und ermutigte die Schüler, ihre eigenen Interessen zu verfolgen.
"Man kann alles, was man will, das ist es, was ihr euch klarmachen müsst", betont Peter Faust. Während seines Vortrages springt er zwischen Englisch und Deutsch hin und her. Beides geht ihm fließend über die Lippen. Seit fast vier Jahrzehnten lebt er jetzt in Kanada. Das Haus am See mit eigenem Steg, der Ozean und die Skipiste in unmittelbarer Nähe - all das möchte er nicht missen. Und trotzdem pendelt er regelmäßig zwischen den Kontinenten. Noch immer hat er ein Haus im Stadtteil Hoheluft - das Haus seiner Eltern. Mehrmals im Jahr kehrt er hierhin zurück, pflegt alte Bekanntschaften und weckt alte Erinnerungen. "In British Columbia ziehen die Leute alle fünf Jahre um", erzählt er. "Da entstehen kaum langfristige Verbindungen." Das fehlt dem Rendsburger, ebenso wie das traditionelle Weihnachtsfest oder das Radfahren, für das man in Kanada nur verständnislose Blicke ernte.
Ein guter Schüler war Peter Faust nicht, er ist Legastheniker, war immer einer der Kleinsten und wurde gemobbt. Nach der 4. Klasse wechselte er auf die Waldorfschule, blieb bis zur 9. Klasse. An den Noten änderte sich nichts, aber sein Selbstbewusstsein kehrte zurück. "Ich bin nicht mit allem an dieser Schule einverstanden, aber hier hat man mich aufgepäppelt. Ich war total kaputt."
Schwer zu glauben, wenn man den 67-Jährigen bei seinem Vortrag erlebt. Seine Worte fesseln die Schüler. Faust arbeitet sich an seiner Biographie ab, als wäre sie nichts Besonderes. "Das ist halt alles so gekommen", sagt er. Aber es stecken viel Arbeit und auch Entbehrungen dahinter. Sein privates Glück fand er erst vor 13 Jahren, als er seine Frau Hye Joo heiratete - eine Koreanerin. Kurz darauf wurde Sohn Chol geboren. "Die Welt ist mein Zuhause. Ich war ständig unterwegs."
Dass er es so weit gebracht hat, das habe auch mit den speziellen Zeugnissen der Waldorfschule zu tun. Neben Noten gab es textliche Einschätzungen. Peter Faust nennt sie "seinen Rettungsring". Die Lehrer hielten ihn für sympathisch, für technisch begabt. An diesen Worten richtete sich der Junge damals auf. Sie brachten ihn auf den Karriereweg.
Faust machte eine Ausbildung als Maschinenschlosser. In Flensburg holte er die Fachhochschulreife nach, es folgte ein Diplom in Schiffstechnik. Während des Studiums war er leitender Ingenieur. Als eine Maschinenbaufirma jemanden für eine Zweigstelle in Kanada suchte, wagte der Rendsburger den großen Schritt. Er bewarb sich, bekam den Job. Mit 30 verließ er Deutschland.
Weil er Meinungsunterschiede mit dem Chef, einem Altnazi, hatte, kündigte er bereits nach sechs Monaten. Aus dem verunsicherten Jungen war ein selbstbewusster Mann geworden, der zu seinen Überzeugungen stand. Es folgte ein Jahr in Hongkong, bevor Faust nach Kanada zurückkehrte und ein Anruf sein Leben einschneidend änderte:
Das Unternehmen Dome Petrolium wollte ihn als leitenden Ingenieur. Sein neuer Arbeitsplatz: Die Arktis. Zehn Jahre blieb Faust in der Eiswüste. Er musste sich mit Gewehren gegen Eisbären schützen, stellte mit Eskimos Fallen auf - wenn er von dieser Zeit erzählt, nimmt seine Stimme einen melancholischen Ton an. "Im Winter bei minus 47 Grad gibt es nichts, was von den eigenen Gedanken ablenkt. Keine Bäume, keinen Geruch. Das Einzige, was sich bewegt, ist der Himmel." Ob er freiwillig gegangen wäre, weiß er nicht. Aber Dome Petrolium ging pleite.
Der Rendsburger musste sich etwas Neues suchen, noch einmal neu anfangen, mit 45 Jahren. Peter Faust entschied sich für die Selbstständigkeit. Er kaufte eine kleine Dreherei in Vancouver. Anfangs war es schwer. Vier Jahre lang war er der Mitarbeiter mit dem geringsten Gehalt. Und wieder schaffte Faust es: Mit Einfallsreichtum und Wandlungsfähigkeit. Der Ingenieur beschäftige sich mit IT-Systemen - zum ersten Mal in seinem Leben. Er entwickelte "tool wall" - eine Software zur Werkzeugverwaltung - und erzielte in seiner Firma große Einsparungen. Nun bekam der Schiffstechniker für dieses Computer-Programm den Innovationspreis "Canada’s smartest IT". Not macht erfinderisch. Und dafür gibt es auch Preise. Das ist die Botschaft eines Mannes, den seine Lehrer bereits früh abschrieben.
Mittlerweile ist der 67-Jährige wieder in Kanada. Doch wann immer ihn die Sehnsucht packt oder er Fahrrad fahren will, kommt er nach Rendsburg zurück. "Seine Heimat wird man niemals los", sagt Faust.
Leserkommentare
Lust auf mehr? Die Landeszeitung jetzt
2 Wochen kostenlos testen.






Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben. Anmelden
Warum muss ich mich anmelden/registrieren?
shz.de distanziert sich prinzipiell von allen in den Leserkommentaren geäußerten Meinungen ohne Rücksicht auf deren Inhalte. Alle Beiträge in den Leserkommentaren geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen der User wieder.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien für Kommentare!