LANDESZEITUNG
Hör-Erlebnis mit geschlossenen Augen
Meditative Musik: Volker Linhardt, Achim Kleinlein (hinten v. l.) und Peter Köhler (vorn) gaben ein Konzert in der St. Marienkirche. Foto: frank
Rendsburg. "Gregorianik meets Jazz" - dieser viel versprechende Titel stand über dem letzten Sommerkonzert dieser Saison in der St. Marienkirche. "Gregorianik" passte, "meets Jazz" passte weniger - und ein "Konzert" war es auch nicht. Eher eine Meditationsstunde, vielleicht sogar ein Gottesdienst. Denn zum Programm gehörte auch ein in lateinischer Sprache gesungenes Glaubensbekenntnis ("credo"), das Achim Kleinlein präsentierte.
Mit sparsamsten Mitteln füllte das "Aurora-Trio" die gut besuchte Kirche mit Klängen. Diese Mischung aus Konzert und Gottesdienst lieferte eine spannende Begegnung mit Achim Kleinlein (vokal), Peter Köhler (Gitarre, Elektronik) und St. Mariens Kirchenmusiker Volker Linhardt an der großen Orgel. Der Altar in wechselnden Farben angeleuchtet, vermittelte für das Auge eine weitere Erlebnis-Dimension. Nur: Beim Meditieren schließt man besser die Augen, dann lenken Licht und alles Sichtbare nicht mehr ab. So war es auch hier: Es war eher schädlich, die Augen offen zu halten. Mit geschlossenen Augen wirkten die ruhigen, lange anhaltenden Klänge von Gitarre und Orgel sowie der Gesang Achim Kleinleins intensiver.
Schon beim zweiten Titel "Questiones" (Fragen) fragte man sich: Geht das so weiter? Es ging so weiter! Wer sich auf sphärische, teils mystische Klänge einlassen konnte, wurde mit neuen, auch besonders schönen Hörerfahrungen reichlich bedient. Doch wer sich auf ein abwechslungsreiches Programm mit lebendiger, vielleicht auch dramatischer Steigerung eingestellt hatte, musste eine lange Geduldsprobe überstehen.
Sich vorbehaltlos auf eine spannende Hörerfahrung mit unbekannten, spartanischen Dauerklängen einzulassen, wurde für einen Teil des Publikums zu einer Herausforderung, fast zu einem gedanklichen "Kampf" mit der Musik. Karge Schönheit und die von den Zeitlupen-Klängen ausgehende Ruhe forderten heraus. Man wurde zum Zuhören gezwungen, vielleicht auch zum Warten auf Abwechslung. So steigerten sich die fühlbare Spannung und Erwartungshaltung von Stück zu Stück.
Entspannung bewirkte mehrfacher Beifall zwischendurch: Verdient für die künstlerische Leistung der Drei, notwendig fürs Publikum, aber unpassend wegen des Inhalts: Beifall nach dem Glaubensbekenntnis wirft viele Fragen auf. Im Konzert passend, wäre er es im Gottesdienst nicht. Aber es war ja auch nicht klar, wie dieses "Konzert" gedacht war. Es war anstrengend, weil so wenig passierte und es war gleichzeitig fantastisch, weil so wenig passierte.
In jedem Fall aber hat das Aurora-Trio mit diesem Auftritt für reichliche Diskussionen und Nachdenken über die Rolle der Musik gesorgt. Das Abschluss-Sommerkonzert bot in dieser Hinsicht viel mehr Gesprächsstoff als eine Aufführung von bekannten Werken.
Lust auf mehr? Die Landeszeitung jetzt
2 Wochen kostenlos testen.





