LANDESZEITUNG
Atemberaubende "Winterreise"
Rendsburg. In das Innenleben von Franz Schuberts Liederzyklus "Winterreise" mit den Texten von Wilhelm Müller konnte man im letzten Festival-Konzert dieses Jahres in der Christkirche sehen, hören und mitfühlen. Christoph Eschenbach und Matthias Goerne boten eine ungewöhnlich intensive Begegnung mit dem 1827 entstandenen Werk - jedoch nicht für das gesamte Publikum in der voll besetzten Kirche, denn Goerne besang mit Blick auf Eschenbach am großen Steinway-Flugel bevorzugt die linke Kirchenseite.
Dieses Abschlusskonzert wurde für viele zu einer intensiven Reise in die differenzierte Gefühlswelt eines Unglücklichen, dem die Geliebte den Laufpass gegeben hat. Christoph Eschenbach, subtil, fast schon zurückhaltend am Flügel begleitend, zeigte in dieser "Winterreise" mit Matthias Goerne viele neue Facetten auf. Goerne durchlebte die 24 Lieder in einer Intensität, die ihn oft wie aus einer anderen Welt heraus erscheinen ließ. Dabei wurden die Text-Musikbeziehungen von dem weit gereisten und in großen Auditorien bewährten Liedsänger mit der einmaligen Stimme und ihren Möglichkeiten deutlich herausgearbeitet. So wie in den sentimental-traurigen "Gefrorne Tränen" oder dem herzerweichend, zu Tränen rührenden "Lindenbaum". Diesen Traum schien Goerne selbst durchlebt zu haben, in der "Wasserflut" zeigte er mit Christoph Eschenbach, wohin Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit führen.
Man wagte kaum zu atmen. Wieder einmal schien es, als wäre man allein in der großen Kirche. Konzentriert lauschten alle. Die beiden Künstler und Schuberts Lieder hatten mit ihrer einmaligen und tief bewegenden Intimität alle eingefangen. Nur in den hochdramatischen Teilen ("Was fragen sie nach meinen Schmerzen" (aus der "Wetterfahne") und "Auf dem Flusse") überforderte Matthias Goernes kräftige Stimme den Kirchenraum, den er mit seiner Intensität und Lautstärke mühelos überfüllte.
Dennoch entstand in Rendsburg eine Deutung der "Winterreise", die ihresgleichen suchte. Die beiden Wanderer zwischen den Welten der Salzburger Festspiele und dem Schleswig-Holstein Musik Festival erweiterten Schuberts Liederzyklus - zumindest in Teilen - zu ausdrucksstarken Mini-Opernszenen. Nach der Leichtigkeit im "Frühlingstraum" schien er die "Einsamkeit" körperlich zu durchleiden. Goernes Körpereinsatz, seine geschmeidige Stimme,
unglaublich berührend und eindrucksvoll in den tiefen und leisen Passagen,
die auch überwältigend laut in den dramatischen Teilen sein konnte, sowie sein schauspielerisches Talent zeigten einmal mehr, wie viel es noch in diesem Liederzyklus zu entdecken gibt.
Das Duo Goerne und Eschenbach deckte auch für Kenner der "Winterreise" viel Neues auf. Was man selbst fühlte, konnte man bei Matthias Goerne hören und sehen. Diese Begegnung mit einem großen Sänger, der sich seelisch schonungslos offenbarte, und einem Pianisten, der subtil begleitete; ein Duo, das dem Publikum etwas zu sagen hatte und es auch tat, gehörte für viele zu den Sternstunden des Jahres. Philipp Kruse aus Rendsburg war noch lange nach dem Ausklingen der letzten Töne des "Leiermanns", der wohltuenden 30-Sekunden-Stille danach und den Standing Ovations mit Bravo-Rufen noch ganz benommen und glücklich über das eben Erlebte. Seine Begeisterung über Matthias Goerne fasste er so zusammen: "Der war nur Lied."
Weil die beiden Hochleistungs-Künstler am folgenden Abend in Rellingen das dritte Konzert ihres Festival-Einsatzes geben sollten, reisten sie unmittelbar nach Konzertende ab. Nicht ohne die obligatorischen Orgel-Erinnerungspfeifen aus Rendsburg, die ihnen der Sprecher des Ortsbeirats Region Rendsburg, Hans-Hinrich Blunck, bereits in der Kirche überreicht hatte. Der Festival-Ausklang im Pelli-Hof wurde so "nur" zum Dankeschön-Empfang für die Sponsoren und Helfer.
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