HUSUMER NACHRICHTEN
Küstenschutz gibt’s nur mit Klimaschutz
Mit ihrem Buch "Davongekommen": Dr. Katrin Schäfer und Verleger Ingwert Paulsen. Foto: vb
Nordfriesland. "Man ist verlassen bei uns, man ist ausweglos ausgeliefert", erinnert sich Ministerpräsident Peter Harry Carstensen an die Sturmflut in der Nacht zum 17. Februar 1962. Der Landesvater erlebte sie als 14-Jähriger in seinem Elternhaus auf Nordstrand. So sprach der Mann aus dem Elisabeth-Sophien-Koog gestern auch als Zeitzeuge, als er vor etwa 180 geladenen Gästen die Sonderausstellung "Sturmflut 1962" im Husumer Nordseemuseum miteröffnete. Das Museum und der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) hatten die Schau erarbeitet und konzipiert. Museumspädagoge Ingo Paasch-Colberg ist zudem ihr Initiator. Deutsches Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk, Bundeswehr, Feuerwehr, Polizei und Kino-Center beteiligten sich an der Veranstaltung unter anderem mit Katastrophen- und Einsatzfahrzeugen.
Es sind die wechselnden Windrichtungen, die die Sturmfluten an Schleswig-Holsteins Küsten lebensbedrohlich machen. Eine Weisheit, die vielen Küstenbewohnern geläufig ist. Im Film "Die große Sturmflut 1962 an Schleswig-Holsteins Nordseeküste" ist sie auch von Zeitzeugen zu hören. Im Auftrag des Museums sprach die Filmemacherin Martina Fluck mit Küstenbewohnern wie dem Hallig-Postschiffer Fiede Nissen, dem pensionierten Ingenieur Helmut Liley, der Lehrersfrau Eva Schirrmacher, Ernst-August Huesmann und Hans Carstens. Dieser formuliert seine damals gemachte Erfahrung mit den Naturgewalten so: "Der Mensch ist gar nichts." Und der Husumer Liley, der als junger Ingenieur an die gefährdeten Deiche gerufen wurde, erzählt, wie die empfundene Lebensangst einem Gefühl der Befreiung wich, als der Wind erneut drehte und die Gefahr abnahm.
Ähnliches hat auch Dr. Katrin Schäfer recherchiert. Ihre Erläuterung der Ereignisse an jenen Tagen, Erinnerungen von Zeitzeugen und Fotografien hat die Husumerin in dem Werk "Davongekommen" zusammengefasst. Das Buch ist im Husum-Verlag erschienen. Der Verleger Ingwert Paulsen stellte es vor und überreichte es nicht nur der Autorin. Landrat Dieter Harrsen, der auch als Vorsitzender des Zweckverbands Museumsverbund Nordfriesland dabei war, bekam eins und ebenso Ministerpräsident Carstensen, der sich anschließend zum Publikum umdrehte mit den Worten: "Das darf ich annehmen", und heiteres Gelächter erntete.
Museumsleiter Dr. Uwe Haupenthal freute sich über den Besuch des Regierungschefs. Damit mache der Ministerpräsident die Eröffnung zur zentralen Landesveranstaltung. Die Sturmflut 1962 habe eine besondere Bedeutung, "weil der Küstenschutz damals erstmals als nationale Aufgabe verstanden worden ist". Der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke besuchte bereits am 18. Februar die Nordseeküste. Seitdem ist immer wieder am Küstenschutz gearbeitet worden, wie Ministerpräsident Carstensen hervorhob. "Mehr als zwei Milliarden Euro sind seit 1962 in die Verbesserung des Küstenschutzes geflossen." Morgen ist der Generalplan Küstenschutz wieder einmal Thema in Kiel. Dann wird die Zukunftsstrategie diskutiert. Als Beispiel nannte der Regierungschef die Überlegung, Deiche mit einem halben Meter Baureserve auszustatten. Mit einer Art zusätzlicher Deichkappe solle ein Meeresanstieg bis zu anderthalb Metern abgewehrt werden. Dass ein Anstieg des durchschnittlichen Wasserstandes zu verzeichnen ist, bestätigte Professor Hans von Storch, Direktor des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht. In welcher Höhe das der Fall sein wird, könne die Wissenschaft für die Deutsche Bucht allerdings erst in den kommenden Jahren genauer sagen. Eines ist nach Meinung des Wissenschaftlers jedoch unerlässlich: "Der Katastrophenschutz muss einfach da sein." Mit den betroffenen Menschen müsse diskutiert werden, was sie im Notfall hinnehmen möchten, sagte von Storch. Allen Rednern gleich war die direkt oder indirekt geäußerte Hoffnung, die jungen Menschen für die Gefahr von Sturmfluten und die zentrale Bedeutung des Küstenschutzes empfänglich machen zu können. Der Ausstellung sei der zahlreiche Besuch von Schülern zu wünschen. Carstensen ermunterte die Gäste: "Kommen Sie wieder mit Freunden und Kindern. Hier werden Sie was begreifen können."
Im Anschluss an die Eröffnung griffen manche Gäste zum Imbiss während andere den direkten Weg in die Ausstellung nahmen. Ereignisberichte und Katastrophenarbeit führen den Besucher ins Thema ein. Zeitzeugenberichte, Fotografien, Dokumente, Hilfs- und Arbeitsmittel riefen bei vielen der Anwesenden Erinnerungen wach. Hans Heydtmann (76) entsann sich eines "furchtbaren Tages" und Detlef Schaller (68) von der musizierenden "Storm Town Jazz Company" half als Schüler im Wyker Hafen beim Sandsäcke füllen. Das alles ist für den zehnjährigen Christopher Hillgruber noch Neuland. Der Tellingstedter drehte dennoch interessiert an Objekten: "Ich finde gut, dass man die Dinge selbst ausprobieren kann."
Den Ministerpräsidenten erinnerte die Schau "an ein grausiges und furchterregendes Ereignis." Seine Fazit aus Erleben und gewonnener Erfahrung: "Küstenschutz hat spätestens seit dem Untergang der Pallas auch was mit Umweltschutz zu tun." Die Ausstellung endet am 9. September: Nordseemuseum, Herzog-Adolf-Straße 25, Telefon 04841/2545.
Leserkommentare
meinte unser Landesvater.
Wer hat den Zusammenhang mit der Pallas verstanden?
(der Holzfrachter brannte vor Esbjergaus.)
Und das hier:
"Dass ein Anstieg des durchschnittlichen Wasserstandes zu verzeichnen ist, bestätigte Professor Hans von Storch, Direktor des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht. In welcher Höhe das der Fall sein wird, könne die Wissenschaft für die Deutsche Bucht allerdings erst in den kommenden Jahren genauer sagen."
Der Anstieg findet seit 10.000 Jahren statt - vor esakten Werten hat er sich wohl gedrückt.
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...der Meeresspiegel steigt oder doch nicht? Die wiisenschaftlich fundierte Aussage von Prof. Storch sagt alles. Der Meerespiegel steigt, keiner weiß wann und wieviel. 2100 können wir nachmessen. Ob sich dann noch Jemand an Prof. Storch erinnert?
"Das die Sturmfluthöhen ebenfalls beeinflussende Windklima, so der Professor (Hans von Storch), habe sich indes nicht verändert. Es unterlag im letzten Jahrhundert zwar starken Schwankungen, diese bewegten sich jedoch im normalen Bereich. Eine Sturmsaison bringe heute weder heftigere noch häufigere Stürme in der Deutschen Bucht hervor als zu Beginn des letzten Jahrhunderts."
www.shz.de/nachrichten/lokales/husumer-nachrichten/artikeldetails/article/111/kuestenschutz-gibt8217s-nur-mit-klimaschutz.html
Er sollte es wissen - andere behaupten anderes.
Zumindest der jährliche Anstieg des Meeresspiegels ist nicht angestiegen, wie festgestellt wurde:
www.youtube.com/watch
unzensiertinformiert.de/2011/02/prof-dr-werner-kirstein-prof-dr-klaus-landfried-wo-bleibt-der-klimawandel/ (ab 33:33)
Von steigender Tendenz des Anstiegs also keine Rede.
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Das Marschland wurde in jahrhundertelangem Kampf dem Meer abgerungen und trotz zahlloser Rückschläge besiedelt. Unsere Vorfahren haben durchgehalten und sich durchgesetzt.
Das Wetter war ihr Feind, von Kälte und Nässe waren sie bedroht, von Sturm und Sturmflut.
Hätten diese naturnahen, erdverwachsenen Menschen mit dem Wissen von heute den Schutz des Klimas versucht, statt Warften und Deiche zu bauen? Hätten sie geglaubt, damit den Anstieg des Meeresspiegels und die Fluten von 1362, 1634, 1717 … 1962 zu verhindern? So blöd waren sie nicht. Sie haben stattdessen die Schaufel in die Hand genommen. Hut ab.
Die Überschrift stand vermutlich von vornherein fest. Der Verfasser des Artikels hat eher zu dem Thema „Kein Küstenschutz ohne Katastrophenschutz“ geschrieben. Das paßt nicht so gut zum Zeitgeist, aber sehr gut zur Wirklichkeit am Deich.