HUSUMER NACHRICHTEN

 

Sturmflut 1962

Dramatische Szenen am Dockkoog

09. Februar 2012 | 04:50 Uhr | Von lap

Die Husumer Nachrichten berichteten am Montag, 18. Februar 1962, unter anderem über den Besuch des Bundespräsidenten. Foto: hn

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Sturmflut vor 50 Jahren: Gebrochener Außendeich, ertrunkene Schafe und zerstörte Teerstraße / Bundespräsident Lübke flog ein

Husum. Der Deichbruch schien unausweichlich. An der Husumer Schleuse spritzte schon zweieinhalb Stunden vor Höchststand des auflaufenden Wassers die Gischt über die Krone. Wer sich weiter vorwagte, in Richtung Ausflugslokal "Erholung", begab sich in Lebensgefahr. Das schreckte in dieser Nacht zum 17. Februar 1962 allerdings nicht viele Schaulustige ab. Um 23.30 Uhr dann die bittere Gewissheit. Ein Ingenieur vom Marschenbauamt - dem heutigen Landesamt für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz - beschrieb seinerzeit den dramatischen Moment so: "Ich sah, wie die Straße sich unaufhörlich hob, wie immer mehr vom Deich abbröckelte, bis er schließlich brach. Es ist ein riesiger Durchbruch, vielleicht 30 Meter breit." Es sei unmöglich, zu der Stelle zu gelangen, heißt es in diesem Zusammenhang in einem Augenzeugenbericht weiter, der Stunden später in den Husumer Nachrichten zu lesen war: "Eine Besichtigung wäre glatter Selbstmord."

In jener dramatischen Nacht wurde am Sperrwerk ein Wasserhöchststand von 5,21 Metern über Normalnull gemessen - damit gehört die Sturmflut vor 50 Jahren, was die hiesige Küste betrifft, zu den schwersten aller Zeiten. Nur einmal zeigte der Schleusenpegel einen höheren Wert an: am 3. Januar 1976 mit 5,66 Meter über Normalnull. Menschenleben fielen dem "Blanken Hans" von 1962 in der Storm-Stadt zum Glück nicht zum Opfer, doch fanden zahlreiche Rinder und Schafe den nassen Tod.

"Das Ausmaß der Zerstörung hatte ich mir nicht so groß vorgestellt", zeigte sich Bundespräsident Heinrich Lübke am 18. Februar geschockt. Das Staatsoberhaupt war an jenem Sonntag morgens mit einer Bundeswehrmaschine auf dem Flugplatz Husum-Schwesing gelandet. Zusammen mit Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel und dessen Innenminister Helmut Lemke nahm er den überfluteten Dockkoog und die schweren Schäden am Deich von Simonsberg in Augenschein. "Wir werden von der Bundesregierung aus helfen, wo Hilfe möglich ist", versprach Lübke, der mit einem Hubschrauber das schleswig-holsteinische Katastrophengebiet abflog. Gleichzeitig zeigte er sich davon angetan, "dass die Hilfsmaßnahmen ausgezeichnet funktionierten und sich viele freiwillige Helfer einstellten - der alte Geist der Deichbauer in Nordfriesland lebt noch."

Lübke sah im Beisein von Nordfrieslands Landrat Reinhold Borzikowsky, dass der Deich etwa 200 Meter westlich der neuen Husumer Seeschleuse durchbrochen war - jetzt klaffte dort eine riesige, tatsächlich rund 50 Meter große Lücke. Die Sturmflut, die in der Nacht zum Sonnabend nicht nur über den Deich hinwegströmte, konnte hier ungehindert in den tief liegenden Dockkoog stürzen, der meterhoch überschwemmt wurde. Ein Holzschuppen in der Nähe der Bruchstelle, der den im Koog weidenden Schafen Schutz geboten hatte, wurde weggerissen. Die darin stehenden Tiere überlebten die Sturmnacht nicht. Am Sonnabend wurden die Kadaver an den Mitteldeich gespült - ein trauriger Anblick. Die hinter dem Deich verlaufende Teerstraße bot den Betrachtern ebenfalls ein Bild völliger Zerstörung. Nur noch Bruchteile davon hingen an dem ausgewaschenen Deichkörper.

Kurz nach dem Bundespräsidenten ließ sich der Bundesverkehrsminister auf dem Deich in Husum die Lage schildern. Und auch Hans-Christoph Seebohms Blicke blieben an der "Erholung" hängen. Hinter den Mauern des Ausflugslokals waren die nächtlichen Stunden besonders dramatisch, die Lichter bereits vor dem Deichbruch erloschen. Das Haus stand einsam und verlassen im tosenden Meer. Schon früh war die Telefonverbindung zur Gastwirtsfamilie Matzen abgerissen. "Ein Wagen hat versucht, sie noch rechtzeitig in Sicherheit zu bringen", schrieb eingangs erwähnter Zeitzeuge dazu im Mitteilungsblatt der ehemaligen Rektor-Möller-Schüler, "Die blaue Mütze" (Ausgabe von Weihnachten 1962): "Aber er ist nicht mehr durchgekommen. Es laufen Gerüchte, dass der Wagen von der Deichstraße abgekommen und heruntergestürzt ist."

Gnadenlos warf sich Neptun mit seinen nassen Massen gegen Deich und Schleusentore, die unter der Wucht des Aufpralls ein wenig geöffnet wurden, um einen ausgeglichenen Wasserstand zu schaffen und ein Zerbersten zu vermeiden. Die Nordsee geriet außer Rand und Band und überschwemmte weite Teile des Stadtgebiets. Das Getöse herunterstürzender Dachziegeln begleitete den heulenden Sturm. Im Schlossgarten entwurzelte der Orkan alte Baumriesen. Doch wirklich dramatisch war es nur am Husumer Außendeich.


 


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