HUSUMER NACHRICHTEN
Ein Uelvesbüller auf Teneriffa
Aug’ in Aug’ mit Wal und Delfin
Ein Erlebnis der besonderen Art: Im offenen Atlantik mit Grindwalen schnorcheln. Foto: hdr
Husum / Los gigantes. Der Blick vom Balkon der Appartement- Anlage verheißt nichts Gutes. Abenteuerlich biegen sich die Palmen im Wind. Normalerweise ist Los Gigantes - im Westen der Kanaren-Insel Teneriffa - ein Sonnen-verwöhnter Ort. Aber heute sind die Giganten - schroffe Felsen, die aus hunderten Metern Höhe steil in den Atlantik abfallen und dem Ferienziel den Namen gaben - in Wolken eingehüllt. Das Meer ist grau und aufgewühlt. Volker Todt, ein gebürtiger Uelvesbüller, der seit zwölf Jahren in Los Gigantes lebt und dort mit der Regensburgerin Roma Spring ein Walforschungsprojekt betreibt, hat Bedenken: "Ich glaube, wir sollten es erst am Nachmittag versuchen", erklärt er einer Hand voll Menschen, die heute mit ihm zu den Meeressäugern hinausfahren wollen. Tatsächlich: Gegen Mittag reißt der Himmel auf und sogar die Nachbarinsel La Gomera reckt ihren vulkanischen Hals aus der Wolkendecke.
In Neopren-Anzügen geht es an Bord der "Empathia", eines PS-starken Schlauchbootes, das die Gruppe zu den "Geistern in den Meeren" hinausbringt. Schwer schlägt der Bootsrumpf in die zum Teil meterhohen Wellen. Da taucht plötzlich eine Schule von Delfinen auf. "Große Tümmler", erklärt Roma Spring und fügt "residentes" hinzu. Mit anderen Worten: Diese Tiere leben ständig hier vor der Küste Teneriffas. Die vier Passagiere versuchen den flinken Bewegungen der Meeressäuger zu folgen. Doch plötzlich sind sie wieder verschwunden - wahrscheinlich auf Fischfang.
Die "Empathia" entfernt sich von der Küste. Da ruft einer: "Wale auf ein Uhr." "Ihr solltet nicht auf die Tiere zeigen, weil sie das missverstehen könnten", hatte Spring den Passagieren vor dem Start gesagt. Erst kürzlich sind vor den Färöer Inseln wieder Dutzende von Grindwalen abgeschlachtet worden - als Teil eines archaisch anmutenden Männlichkeitsrituals. Diese Tiere hier - ebenfalls Grindwale - begegnen den Menschen mit zurückhaltender Neugier. Ruhig ziehen sie ihres Weges und dann kommen sogar einige der Tiere näher.
Volker Todt drosselt den Motor und bedeutet Roma Spring, dass es losgehen kann: Vorsichtig gleitet die gelernte Hebamme in das 600 Meter tiefe Wasser und schnorchelt neben den bis zu acht Meter langen Walen her - an jeder Hand ein Mitglied der "Encounter"-, zu Deutsch "Begegnungs"-Gruppe.
Das Meer erstrahlt in allen nur erdenklichen Blautönen. Sonnenstrahlen durchpflügen das Wasser wie ein gewaltiger Kamm aus Licht. Entspannt nehmen die Tiere das Menschen-Trio in ihre Mitte. Mit ihrem ruhigen, offenen Augen vermitteln die Wale den Fremden das Gefühl tiefer Geborgenheit. Mehr noch: Ihr Sonar - Klick-Laute, mit denen sie sich in den Weiten des Ozeans orientieren - scheint die Körper der Schwimmer förmlich zu durchfließen. Auf diese Weise wird die Gegenwart der Tiere spürbar, auch wenn körperlicher Kontakt verboten ist. Als zwei Grindwalkälber dann noch Luftblasen an die Oberfläche senden, die sich unter den Händen der Schnorchler wie in tausend kleine Diamanten zerteilen, ist die Begegnung perfekt.
Wer ihnen nur einmal in freier Wildbahn begegnet ist, wird verstehen, welch ein Hohn Therapien mit gefangenen Delfinen oder Walen sind. Und er wird den Tag herbeisehnen, da sämtliche Delfinarien geschlossen werden. Den Kontakt auf hoher See haben die Tiere selbst aufgenommen, und sie konnten ihn jederzeit beenden. Delfine in Gefangenschaft schalten dagegen meist schon nach kurzer Zeit ihr Sonar ab, weil sie nichts anderes hören als ihr eigenes Echo.
"Solche Tiere einzusperren ist nicht nur eine Tortur, sondern eine Beleidigung ihrer Intelligenz", sagt Roma Spring abends beim "Sharing". Hier berichten die Schnorchler von ihren Erlebnissen mit den Meeressäugern, vertiefen sie, indem sie darüber sprechen. Von Lebensfreude ist da die Rede und von Urvertrauen. Aber auch davon, dass die Begegnung mit Walen und Delfinen unweigerlich Fragen nach dem Sinn der eigenen Existenz aufwirft.
"Als wir hier anfingen, war das pure Feldforschung", erläutert Volker Todt, "etwas, was die Universitäten oft gar nicht mehr leisten können." Inzwischen hat sich das Projekt jedoch herumgesprochen und sogar einen Namen bekommen: Öko-Psychologie. Was genau unter diesem Begriff zu verstehen ist, das erläutern Roma Spring und Volker Todt am Donnerstag, 1. Juli, ab 19.30 Uhr in der Aula der Volkshochschule. Ihr Vortrag zum Thema "Das freie Interaktionsfeld Mensch-Delfin - eine entwicklungsfördernde Ressource" hat auch einen Obertitel, der Programm ist: "Born to be free" - "Geboren, um frei zu sein".
Lust auf mehr? Die Husumer Nachrichten jetzt
2 Wochen kostenlos testen.







