HUSUMER NACHRICHTEN
Kirche Osterhevers als Modell
Hölzchen auf Hölzchen gesetzt
Osterhever. Hans Pacholski holt eine Postkarte vom Dezember 1900 hervor, auf der es deutlich zu sehen ist: Die Kirche St. Martin hatte einst einen Glockenturm. Das Fundament des ursprünglichen Bauwerks ist draußen noch zu erahnen. Nun fand ein Modell des Glockenturms, gefertigt von Hans Pacholski, seinen Platz im Kircheninneren.
Der Bastler verbrachte sein Arbeits leben damit, Autobahnbrücken im Ruhrgebiet zu bauen. Im Ruhestand erwarb er sich einen Ruf mit detailgetreuen Modellen markanter Bauwerke der Region. Vor fünf Jahren baute der gelernte Zimmerpolier den Haubarg Ketels in Osterhever nach, dann Schloss Hoyerswort. Beide Modelle stehen im Alten Rathaus in Garding. 2007 verewigte er die Schleusenanlage von Everschopsiel - zu besichtigen im Nordseemuseum in Husum. Im vergangenen Jahr kam das Modell des Restaurants "Arche Noah" in St. Peter-Ording dazu.
Den Glockenturm von St. Martin zu rekonstruieren, aus den zweidimensionalen Zeichnungen wieder ein dreidimensionales Bauwerk zu erschaffen, erschien dem Pensionär eine neue willkommene Herausforderung zu sein. "Das besondere an diesem Glockenturm sind seine 16 Ecken. Auf diese Weise wurde Platz geschaffen für eine große Hauptglocke und eine zweite, kleinere Glocke", erzählt der Modellbauer, der extra einen Querschnitt fertigte, um diese Aufhängung sichtbar zu machen. Denn zu einer Zeit ohne Radio, Fernseher und Computer, ohne Wecker und Mobiltelefon, orientierten sich die Menschen maßgeblich am Glockenschlag. Sie wussten im wahrsten Sinne des Wortes, was die Stunde geschlagen hatte. Der Fotograf Wolfgang Oppermann fotografierte die Baupläne im damaligen Kirchenkreisarchiv in Garding ab, so dass Pacholski mit ihnen arbeiten konnte. Anders als bei seinen vorangegangenen Modellbauten wählte er nicht den Maßstab 1:33,3, sondern den Maßstab 1:20. Damit passte er sein Modell seinem Standort unter der Orgelempore an, sorgte für einen optimalen Blickfang in der Nähe des Eingangs. Originalgetreu besetzte der Modellbauer das Dach mit selbst gefertigten, winzigen Eichenschindeln. Gezählt habe er sie nicht, winkt er ab und erzählt von der manchmal bitteren Ironie der Geschichte: "Nach dem Abriss des Glockenturms musste der damalige Pastor die Eichenschindeln als Brennholz zurückkaufen." Die Bretter, aus denen die Wände bestehen, sind übereinander gestülpt. "Damals, nach der zweiten großen Manndränke, hatten die Zimmerleute keine Kreissägen. Dechseln nannte man das, was sie stattdessen taten - nämlich aus dem runden Stamm Kantholz zu machen", erzählt der Pensionär und geht in die Knie. "Die Handwerker hatten den Stamm zwischen ihren Beinen und bearbeiteten ihn mit einer Art Beil, aber quer", fährt er fort. Hans Pacholski hat an alles gedacht. Selbst den hölzernen Unterbau hat er entworfen und gefertigt und sogar mit Rollen versehen, um den Glockenturm sicher zu transportieren.
Tief "zufrieden" äußert sich Bürgermeister Ove Becker Ketels angesichts des Modells. Im Rahmen der Präsentation der Ortschronik übergab Hans Pacholski sein jüngstes Werk der Gemeinde Osterhever. Die Rekonstruktion des nicht mehr existenten Bauwerks passte ausgezeichnet zur Aufarbeitung der Dorfgeschichte durch das Chronik-Team um Autorin Renate Holz. "In der Chronik wie im Modell stecken ungezählte Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Ohne die gäbe es diese wunderbaren Werke überhaupt nicht", drückt der Bürgermeister Dank und Anerkennung aus.
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