HUSUMER NACHRICHTEN

 

Husumerin spielt Hauptrolle

Bingo! Das Leben neben den Kartoffeln

11. Februar 2012 | 04:50 Uhr | Von Rüdiger Otto Brocken

Gehört schon fast zum Stadtbild: Elke Andresen an ihrem Marktstand. Foto: Bandixen

Weil sie gern ihr Glück in Dänemark herausfordert, spielt Elke Andresen in einem ungewöhnlichen Dokumentarfilm eine von fünf Hauptrollen

Husum. "Soll ich den lieber ausmachen?", fragt Elke Andresen etwas unsicher. Im Fernsehen läuft eine ihrer Lieblingssendungen: "Rote Rosen". "Das guck’ ich, seit ich es nach meiner Knie-Operation vor zweieinhalb Jahren zum ersten Mal gesehen habe", gesteht die 71-jährige. Aber nicht heute. Heute will Andresen erzählen, wie sie eine von fünf Hauptdarstellerinnen des Dokumentarfilms "Bingo - Zuletzt entscheidet immer das Glück" von Gisela Tuchtenhagen (Regie/Kamera) und Margot Neubert-Maric (Regie/Schnitt/Ton) geworden ist. Doch das gestaltet sich schwierig, denn nun, da der Fernseher aus ist, klingelt es an der Haustür. Davor steht ein Müllmann mit Thermoskanne. Andresen nimmt sie ihm ab und sagt Danke. Dabei war sie es doch, die den Müllwerkern am Morgen Kaffee gemacht hatte, "weil es so kalt war". Plötzlich kehrt Ruhe ein. Nur ab und zu ist ein Geräusch zu hören, als jongliere jemand mit gebrannten Ziegeln. "Das sind die Steine vom Gehweg", sagt die Gastgeberin. Die seien durch den Frost locker geworden und klapperten, wenn Radfahrer darüber führen.

Bingo habe sie schon gespielt, als ihr Mann noch lebte, leitet die Mutter von vier Kindern, zehnfache Groß- und zweifache Urgroßmutter unvermittelt zum Thema über. "Eine Nachbarin hat mich darauf gebracht." Ihr Willy war allerdings nicht so begeistert, dass sie einmal pro Woche losfuhr: "Am liebsten nach Dänemark", gesteht Andresen, die in Husum besser als "Elke Kartoffel" bekannt ist, weil sie seit Jahrzehnten donnerstags auf dem Wochenmarkt Kartoffeln verkauft. Aber Dienstag war Bingo-Tag, und in Krusau konnte sie - anders als hier in Deutschland - um Geld spielen. "Was soll ich mit Wurstpaketen oder einer Türkeireise", sagt sie.

Von einer Bekannten erfuhr sie dann, dass Gisela Tuchtenhagen für ihren Film Frauen sucht, die etwas älter sind, Bingo spielen und Plattdeutsch sprechen. Die beiden telefonierten miteinander und verabredeten sich. Eben vor Weihnachten standen Tuchtenhagen und Neubert-Maric dann vor der Tür. "Mit Kamera und allem", erinnert sich Andresen und weiß noch, dass es drei Jahre her ist und "wir uns gleich sympathisch waren".

"Ich könnte jeden Tag Bingo spielen", sagt Andresen, "aber da wird man ja arm bei." Doch wenn ihr - besonders, seit ihr Mann nicht mehr da ist - die Decke auf den Kopf fällt, setzt sie sich in den Bus und fährt nach Krusau. Vorzugsweise allein, "weil ich sprechen kann, wenn ich will, es aber nicht muss".

Und warum gerade Bingo? Für einen Moment scheint sich An dresen selbst nicht sicher zu sein, doch dann sagt sie umso energischer: "Weil ich Lust dazu habe." Deshalb gibt’s auch keinen Ärger, wenn sie mal verliert. Und sollten ein paar hundert Euro herausspringen, "ist das ja auch nicht schlecht". Die Husumerin spielt halt gern: mit den Schwestern Doppelkopf, mit den Nachbarinnen Uno.

Während sie erzählt, fällt "Elke Kartoffel" immer wieder ins Plattdüütsche. Es ist halt ihre Muttersprache und "irgendwie menschlicher" als Hochdeutsch, findet sie. Trotz der vier Kinder hat Andresen immer nebenher gearbeitet und tut das auch heute noch. Sie spricht das Wort nicht aus, aber die Arbeit scheint ihr auch ein gewisses Gefühl von Freiheit zu geben. "Und geholfen hat es natürlich auch", sagt sie wohl nicht zuletzt mit Blick auf die weniger fetten Jahre in ihrem Leben. Noch heute fährt Andresen mit dem jüngsten Sohn auf Flohmärkte und arbeitet als Reinigungskraft in einer Tankstelle. "Ich sag’ immer: So lange man Wünsche hat, kann man auch arbeiten." Bingo ist so ein Wunsch - dieses Kribbeln, wenn nur noch eine Zahl fehlt. Und ein bisschen ist das Spiel ja auch wie das Leben: Zuletzt entscheidet immer das Glück. Elke Andresen weiß das, nimmt es aber lieber selbst in die Hand.

"Bingo - Zuletzt entscheidet immer das Glück" ist am Mittwoch, 29. Februar, ab 19.30 Uhr im Kino-Center auf der Neustadt zu sehen.


 


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