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Als das Meer Eiderstedt holen wollte

11. Februar 2012 | 00:10 Uhr | Von Ilse Buchwald

Die Nordsee hatte den Deich von Tümlauer-Koog stark beschädigt. Mit Sandsäcken und Faschinen wurde er notdürftig gesichert. Foto: oppermann Foto:

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Die Sturmflut von 1962 flutete den Uelvesbüller Koog / Auch in Tümlauer-Koog drohte der Deich zu brechen

Eiderstedt. Die Nacht zum 17. Januar 1962 hätte für Eiderstedt eine Katastrophe bedeuten können. Doch die Wasserstände fielen rechtzeitig, noch bevor die bereits stark beschädigten Deiche in Tümlauer-Koog und Norderheverkoog brachen. Zu verdanken ist das der Überflutung des Uelvesbüller Koogs und des benachbarten, unbewohnten Norderfriedrichsommerkoogs mitten in der Nacht. Augenzeugen an vielen anderen Orten auf Eiderstedt und Nordstrand berichten, dass zu diesem Zeitpunkt plötzlich der Wasserspiegel sank. Die Bewohner der Halbinsel waren noch einmal davongekommen. Kein Mensch war den Fluten zum Opfer gefallen.

Im Uelvesbüller Koog erlebte der damals 25-jährige Richard Wiborg die dramatische Nacht mit. Gemeinsam mit seinem Bruder Dieter, mit Mutterschafen und ihren Lämmern sowie ein paar Ferkeln verbrachte er die Nacht im Obergeschoss des Bauernhauses, das nicht weit vom Deich entfernt liegt. Den Betrieb hatte er 1959 von seinen Eltern übernommen. "Ich hatte überhaupt nicht mit einer Sturmflut gerechnet. Gegen Abend kam dann richtig Sturm auf", erinnert sich Wiborg. Der Wind habe von Süd auf West gedreht und das Wasser gegen den Deich gedrückt. "Es war hoher Wellengang." Der junge Landwirt musste nun sehen, dass er sein Vieh in Sicherheit brachte. Sein Bruder Horst trieb Kühe, Rinder, Schafe und Sauen auf den Mitteldeich, der landeinwärts liegt. "40 bis 50 Zentimeter hoch stand das Wasser schon. Nur eine Sau wollte nicht, die ist weggelaufen und ertrunken.Wie etliche andere Schafe und Schweine auch." Die Tiere wurden in der Nacht noch zum Sandkrug an der Straße zwischen Witzwort und Simonsberg gebracht. Im Stall hatte Wiborg aber noch Mutterschafe mit Lämmern und die Ferkel, die er und sein Bruder auf den Dachboden des Hauses brachten. In Haus und Stall waren Taschenlampen die einzigen Lichtspender, weil der Strom ausgefallen war. "Aber draußen war es hell genug, da schien der Vollmond."

Gegen 23.15 Uhr sei dann der Deich, nur 270 Meter vom Hof entfernt, gebrochen, berichtet Wiborg. 70 bis 80 Meter breit war die Lücke, durch die das Wasser strömte. "Da sind mein Bruder und ich nicht mehr rausgekommen. Und um Mitternacht war der Koog dann vollgelaufen", erinnert er sich. Das Wasser stand 1,5 Meter hoch im Vorhaus. Er selbst und sein Bruder verzogen sich in die Schlafstuben auf dem Dachboden. "Wir haben geschlafen. Angst hatte ich nicht. Ich bin ja Sturm gewohnt. Und es nützt ja auch nichts, Angst zu haben."

Am nächsten Morgen holte die Bundeswehr die fünf Menschen, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten, mit Sturmbooten ab. "Aber nur die Menschen. Meine beiden Hunde wollten sie nicht mitnehmen", erinnert sich Wiborg. "Da wollte ich dann auch nicht einsteigen." Schließlich einigte man sich - die Vierbeiner durften mitfahren. Drei Wochen dauerte es dann bis das Meerwasser aus dem Koog gepumpt oder versickert war. Nach vier Wochen konnten die Wiborgs wieder in ihr Haus ziehen.

"Wegen des Salzwassers mussten wir den Putz von den Wänden nehmen." Größeren Schaden hatte das Gehöft aber nicht durch das Wasser, sondern durch eine Windhose genommen, die durch den Koog gelaufen war. "Die hatte mir eine Stallwand eingedrückt." Seine Tiere brachte er am Tag nach der Sturmflut mit dem Lastwagen nach Husum auf die Neustadt. Dort gab es genügend Stallungen - wegen des regelmäßigen Viehmarkts. Freunde hatten die andern Tiere am Nachmittag vom Dachboden geholt. "Meine Futtervorräte sind mir nicht verdorben, da die auf dem Heuboden lagerten. Und auch der Trecker, der im Wasser gestanden hatte, funktionierte wieder, nachdem er neues Öl bekommen hatte."

28 Menschen lebten damals im Koog, in dem drei Bauernhöfe und vier Arbeiterhäuser standen. Sie kamen in der Zeit nach der Flut im Dorf unter. Die Hilfsbereitschaft war groß. So berichtet die Koog-Chronik von 1986, dass allein die Stadt Leimen (Heimat von Boris Becker) 6000 Mark gespendet hatte. Unter anderem schenkte eine Firma dem Koog einen Mähdrescher, und die Volksschule Tönning spendete 350 Mark.

Nicht minder brenzlig war die Situation in Tümlauer-Koog ganz im Western der Halbinsel. Dort drohte der von den Regenfällen der Wochen zuvor völlig durchweichte Deich unter der Gewalt der sich hoch auftürmenden Wellen zu brechen, doch dank des Geschehens im Uelvesbüller Koog sank die Flut noch rechzeitig - eine halbe Stunde vor Hochwasser. Mittendrin war damals Christa Marwig, die gemeinsam mit ihrem Mann Hans die Gastwirtschaft des Dorfs betrieb. "Es war ein ganz stürmischer Tag. Die Wolken flogen nur so über den Himmel", erinnert sie sich. "Wenn das man gut geht, sagten wir uns." Dann kam ihr Mann nach Hause und erzählte, dass er unterwegs ein Dach habe wegfliegen sehen. "Um 22 Uhr sind wir dann zum Deich gelaufen, da stand das Wasser schon sehr hoch." Die Koogbewohner hatten ihr Vieh in Sicherheit gebracht, der Großteil kam nach Tating. Auch Frauen und Kinder verließen den Koog. Christa Marwig und ihr dreijähriger Sohn Christian, heute Bürgermeister von Tümlauer-Koog, fuhren nach Garding. "Um 2 Uhr morgens, als der Wasserspiegel sank, bin ich aber zur Gastwirtschaft zurück, um meinem Mann zu helfen." Der Dorfkrug war in der Nacht zum Hauptquartier für die Helfer, für Feuerwehr und Polizei geworden. "Es herrschte ein reges Kommen und Gehen. Die Soldaten hatten sogar ihre eigene Küche dabei." Mittendrin war auch der kleine Christian, der staunend das rege Treiben beobachtete. "Angst hatte ich in dieser Nacht nicht", sagt Christa Marwig. "Dazu hatte ich gar keine Zeit, aber am Nachmittag davor, als der Sturm über das Land raste."

Am nächsten Morgen, ein sonniger und ruhiger Tag, wurde der Schaden sichtbar: Vom Deich waren nur noch ein paar Stümpfe übriggeblieben. In das Bollwerk hatten die Wellen sieben Fischkutter gerammt, die sich von ihren Liegeplätze im Hafen losgerissen hatten. Die Schiffe hatten sich regelrecht hineingebohrt und mussten schließlich gesprengt werden. Die Fischer Peter Unbehaun und Peter Martens hatten ihre Kutter in den Priel gelegt, so passierte den Schiffen nichts. "Dafür haben wir auch keine Entschädigung bekommen", berichtet Unbehaun in der Chronik des Koogs von 2010. In der Gastwirtschaft der Marwigs zogen noch mehr Soldaten ein, die in den nächsten Tagen die Sicherungsarbeiten am Deich verrichteten. "Im Saal haben sie geschlafen, im Vorsaal war ihr Büro", sagt Christa Marwig. Erst im Mai begann die eigentliche Instandsetzung des Deichs, wie es in der Chronik heißt. Dazu wurden auch Arbeiter aus Italien und Jugoslawien geholt. Weihnachten 1962 waren die meisten Arbeiten vollendet.


 


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