HOLSTEINISCHER COURIER
Vergnüglicher Kannibalenabend am See
Neumünster. Wie bereitet man einen Menschen zu? - "Die Zunge im Feigen blättermantel, der Bauch glasiert, die Eier frittiert", juchzt Häuptling Abendwind (Nikos Ritsikalis) seinem Koch Hogu zu. Denn Häuptling Biberhahn (Wolfgang Wobeto) kommt zum Staatsbesuch - ein Festmahl muss her. Das Publikum kugelt sich.
Einen schaurig-schönen Ausflug in die Welt der Kannibalen präsentierte die Hamburger Theatertruppe Elfen im Park mit "Häuptling Abendwind oder das gräuliche Festmahl" von Johannes Nestroy am Sonnabendabend und reizte auf dem Seeträume-Sommernachtsträume-Festival des Literaturcafés Einfeld auf dem Gelände des Ruderclubs die Lachmuskeln der rund 300 Zuschauer.
Dumm nur für die Häuptlingsfeier: In der Vorratskammer sind keine Gefangenen mehr. Muss die Küche kalt bleiben? - Häuptlingstochter Atala, herrlich überkandidelt gespielt von Marion Gretchen Schmitz, hat die rettende Idee: Fremde kidnappen. Da kommt der Schiffbrüchige Arthur (Jose Montana) gerade zum richtigen Zeitpunkt. Aber Atala und den Fremden trifft der berühmte Blitz. Arthur droht dennoch der Kochtopf...
Makaber, mit viel Hintersinn und dynamisch präsentierte die Theatergruppe aus Hamburg die 1862 uraufgeführte Posse Nestroys und würzte die Satire mit peppigen Liedern der Neuen Deutschen Welle und modernem Sprachwitz. Mit "Tirili, tirila, küss die Hand, schöne Frau" wirbt Arthur um Atala, sie fleht ihn lustig an: "Mach mir doch kein Knutschfleck". Mit "Da-da-da" umkreisen die Kannibalen zum Hinwerfen komisch ihr menschliches Mahl, als "Fred vom Jupiter" wird Häuptling Biberhahn begrüßt. Doch bleibt es nicht nur vordergründig lustig - im Dialog spotten die Häuptlinge über den Fortschritt; die Zivilisierten werden als die eigentlich Unzivilisierten demaskiert.
Nach dem Mahl kommt die Wahrheit ans Licht: Arthur ist der Sohn Biberhahns. Das Publikum amüsiert sich köstlich, als die Spieluhr Arthurs im Bauch Biberhahns klingelt und dem Häuptling verzweifelt schwant, was geschah. "Mir meinen Sohn zu servieren, ist ein Skandal", wettert er den Gastgeber an. Doch glücklicherweise hat Arthur den Koch - schräg im St.Pauli-Outfit von William Parton gespielt - bestochen; im Kochtopf landete der heilige Bär...
Mit minutenlangem Beifall zeigte das Publikum, wie begeistert es ist über die ungewöhnliche Aufführung ist. Das Literaturcafé-Team unter Claudia Toppe, mit Wuschelperücke als Kannibalin, wird mit Lob für das Karibik-Flair und die stilechten Leckereien überschüttet. "Eine tolle Leistung, so etwas habe ich noch nie gesehen, das hat uns wahnsinnig gut gefallen", lobten Hannes Maidel (59) aus Augsburg und seine Frau Sieglinde. Ihre Freunde Delia Schmid und Holger Jordan aus Wasbek stimmten zu: "Einfach spitze."
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