HOLSTEINISCHER COURIER
Über das Ortsschild und dann auf die Walz
Über das Boostedter Ortsschild stieg gestern Barne Schumacher. Drei Jahre und einen Tag muss er seinem Heimatort fern bleiben. Foto: Friebel
Boostedt. Für Barne Schumacher ist Boostedt ab sofort absolute Tabuzone. In den nächsten drei Jahren und einem Tag darf er sich seinem Heimatort nicht weiter als 50 Kilometer im Umkreis nähern, das gilt auch an den Feiertagen oder zu Familienfesten. Der Zimmermann-Geselle ist auf der Walz und hat sein bisheriges Leben hinter sich gelassen. Wohin ihn der Weg führen wird, das weiß der 25-Jährige so recht noch nicht. "Immer gerade aus, die Straße entlang. Aber irgendwann will ich auch noch nach Griechenland", meinte er mit Blick in den trist-grauen Februar-Himmel.
Gestern war der große Abschied von Boostedt, seinen Freunden, Verwandten und Weggefährten. Auf vieles hat er schon verzichtet, seine Kleidung völlig geändert, raus aus modischem Hemd und Designer-Jeans, jetzt trägt er die praktische, aber ziemlich schmucklose Kluft mit schwarzer Hut mit breiter Krempe, Schlaghose, kragenloses weißes Hemd, Weste und Jackett. All sein Hab und Gut hat Barne Schumacher in zusammengebundenen Tüchern verstaut, viel ist es nicht. Und sein Handy hat er mit einem dicken Nagel vernichtet. Ein eigenes Fahrzeug darf er ebenfalls nicht besitzen, ab heute bewegt er sich zu Fuß oder per Anhalter fort. Einen Nachnamen hat er auch nicht mehr, er heißt jetzt Barne Zimmermann Freier Begegnungsschacht (Zusammenschluss von reisenden und einheimischen Gesellen).
Obwohl er sich schon während seiner Lehrzeit bei Matthias Hauschildt in Groß Kummerfeld mit den Wanderjahren beschäftigt hat und mit dem Freien Begegnungschacht Kontakt aufnahm, fiel ihm die Abschieds-Zeremonie nicht ganz leicht. Die läuft nach traditionellen Schacht-Regeln ab, nach denen er von seiner alte in seine neue Familie (den Wandergesellen) überwechselt. Was bietet sich da besser an, als das Ortsschild, ein markantes Grenzzeichen? Der Aufmarsch am Boostedter Ortsausgang in Richtung Großenaspe war enorm. Viele wollten es sich nicht nehmen lassen, "ade" zu sagen. Allen voran die Boostedter Wehr, in der Barne Schumacher als Hauptfeuerwehrmann seit Jahren seinen Dienst versieht. Gleich mit drei Fahrzeugen war sie angedrückt. Doch zunächst musste er seine Wiederkehr vorbereiten. Unweit des Schildes, aber immer noch auf Boostedter Seite, grub er ein tiefes Loch , in das unter anderem eine Schnapsflasche kam - ein Willkommensschluck, den er frühestens am 2. März 2014 genießen darf.
Doch dann wurde es ernst, er musste über das Ortsschild klettern - mit tatkräftiger Hilfe der Feuerwehr. Während auf Boostedt Seite alle "Zivilisten" das Treiben beobachteten und die Sirenen heulten, sprang er Richtung Großenaspe, wo er von rund einem Dutzend Wandergesellen empfangen wurde. Ein Blick zurück, den durfte es nicht geben. Damit er in seinen neuen Lebensabschnitt findet, wurde ihm für drei Monate die Schachtaktive Christiane aus Flensburg zur Seite gestellt. Unter ihrer Anleitung muss er seinen Weg finden.
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