HOLSTEINISCHER COURIER

 

Schulprojekt: Ein Tag im Rollstuhl

12. April 2011 | 06:25 Uhr | Von Karen Biguß

Endlich mal ein positives Erlebnis: Jan Schäfer, Kevin Geerk und Angelina Schorn freuten sich: "Hier ist eine Rampe, die können Rollstuhlfahrer sehr gut hochfahren." Foto: Biguss

Mädchen und Jungen der Pestalozzischule versetzten sich in die Lage von Behinderten / Das Erlebte wird in einer Präsentation dargestellt

Neumünster. Wie fühlt es sich an, nicht laufen zu können und in einem Rollstuhl zu sitzen? Wie schwierig ist es, als Rollstuhlfahrer mit dem Bus zu fahren, einzukaufen oder Geld an einem Bankautomaten abzuheben? 20 Schüler der Klasse 8a der Pestalozzi-Schule nahmen an dem Projekt "Barrieren abbauen: sehr gut" des Landesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen Schleswig-Holstein teil und schlüpften dabei in die Rolle eines Rollstuhlfahrers.

Diplom-Sozialpädagogin Kersten Andresen vom Landesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen begleitete zusammen mit Klassenlehrerin Katja Ahorn die zweitägige Aktion. "Was machen wir in unserer Freizeit gerne, und was wollen wohl Jugendliche mit Behinderung machen? Sie wollen genau wie wir etwa in den Tierpark oder ins Schwimmbad gehen", überlegten die Schüler in dem theoretischen Teil am ersten Tag. Nur 4,7 Prozent der Behinderungen bei Menschen mit Behinderung sind angeboren. Nur 13 Prozent der behinderten Kinder in Deutschland werden integrativ beschult, in der EU sind es 80 Prozent, lernten sie. Anstrengend war die Probefahrt mit den Rollstühlen, die Orthopädietechnik Nord zur Verfügung stellte, auf dem Schulhof: "Die Hände taten weh, wir sind im Sand stecken geblieben, Türschwellen stellten schon ein großen Hindernis dar, und der Rollstuhl war breiter als die Toilettentüren", erzählten die Schüler. Auch Gefühle wie Wut kamen auf, weil sie im Rollstuhl auf Hilfe angewiesen waren, aber gerne alleine gehandelt hätten.

In vier Gruppen machten sich die Schüler am zweiten Tag auf den Weg in die Innenstadt, zum Supermarkt, zum Baumarkt, zur Bank oder zum Bäcker. Von jeder Gruppe saß dabei abwechselnd je ein Schüler im Rollstuhl. Zwei Stunden lang sollten sie an den verschiedenen Orten kleine Aufgaben erfüllen: Die Jugendlichen fuhren mit dem Bus, sie holten einen Prospekt von einer Konzertagentur, sprachen eine Bankangestellte am Schalter an und hoben Geld an einem Geldautomaten ab. Sie kauften eine Blume in einem Baumarkt, brachten ein Brötchen von einem Bäcker mit, wogen Äpfel in einem Lebensmittelladen ab, kauften Schokolade im Supermarkt ein und prüften, ob ein Rollstuhlfahrer überhaupt einen Einkaufswagen schieben kann und ob Einkaufswagen, die für Rollstuhlfahrer geeignet sind, zur Verfügung stehen.

Mit vielen neuen Erfahrungen kamen sie zurück: "Es ist schwierig an Verkaufstresen einzukaufen. Das Hochgucken ist anstrengend", stellte Kevin Geerk fest. In einer anderen Situation freute er sich: "Hier ist eine Rampe, die können Rollstuhlfahrer hochfahren."

"Man kann sich denken, dass es schwierig ist, im Rollstuhl zu sitzen. Aber das selber zu erleben und zu fühlen, ist noch mal ganz anders", meinte René Wieland. Nach diesen Erfahrungen können die Schüler besser verstehen, wie es Menschen mit Behinderungen geht. Sie machten auch Fotos und schrieben das Erlebte auf. Für die anderen Klassen der Schule wird daraus eine Präsentation erstellt.

"Die Schüler werden so sensibilisiert und können sich in die Situation von Menschen mit Behinderungen hineindenken. Darüber lernen sie Verständnis und Toleranz", erklärte Kersten Andresen. "Ich bin ganz begeistert, wie die Schüler mitgearbeitet haben und welche Feinfühligkeit sie gezeigt haben", sagte Klassenlehrerin Katja Ahorn.

Schulen, die Interesse haben, an dem Projekt "Barrieren abbauen: sehr gut" teilzunehmen, können sich an Kersten Andresen, Projektbüro des Landesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen, Tel. 98 88 16, wenden.


 

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