HOLSTEINISCHER COURIER
Neues Zuhause, neuer Rückhalt
Im Kinderzimmer von Benjamin: Gemeinsam mit Ehemann, zwölfjährigem Sohn und neunjähriger Tochter hat Tanja Holtmann die Entscheidung für ein Pflegekind getroffen. Foto: Carstens
Neumünster / Wiemersdorf. Tanja Holtmann möchte den richtigen Namen ihres kleinen Pflegesohnes nicht nennen. Aus Rücksicht auf die Gefühle der leiblichen Eltern wünscht sie auch kein Zeitungsfoto von ihrem "Benjamin", der im Alter von sechs Monaten im Frühsommer 2010 von der vierköpfigen Familie in Wiemersdorf aufgenommen wurde. Die Holtmanns gehören zu dem Kreis, auf den der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) in Neumünster baut: Familien, die bereit sind, auf Zeit oder sogar auf Dauer einem Pflegekind ein neues Zuhause zu bieten (siehe auch Extra-Artikel auf dieser Seite).
Tanja und André Holtmann hatten sich ihre Entscheidung gut überlegt und auch mit ihren beiden eigenen Kindern, Marvin (12) und Kimberley (9), abgesprochen. ASD-Mitarbeiterin Silke Lahrs lobt dieses Verfahren: "Die Entscheidung sollte immer von der gesamten Familie getroffen werden." Gerade die breite Akzeptanz ist wichtig, um drohende Konflikte gemeinsam zu bewältigen. Zudem sollte das Pflegekind immer deutlich jünger sein als das kleinste Mitglied der Familie, ansonsten besteht akute "Konkurrenzgefahr".
Geduld und Einfühlungsvermögen sind wichtige Grundlagen bei der Aufnahme von Pflegekindern. Denn die Mädchen und Jungen haben bereits die Schattenseiten des Lebens kennen gelernt, wurden vernachlässigt, mitunter auch geschlagen und misshandelt. Wird es bekannt, greift der ASD ein, sucht für die Kinder passende Familien.
Eine schwierige Aufgabe. Silke Lahrs und ihre ASD-Kollegen bereiten Familien in Gesprächen und Seminaren intensiv vor. Und räumen bei dieser Gelegenheit mit einigen alten, aber falschen Vorstellungen auf. Denn es ist keinesfalls so, dass die Kinder vorbehaltlos die Familie wechseln. Mutter und Vater waren auch für sie bislang der wichtigste Bezugspunkt. Diese Verbindungen lassen sich nicht kappen: Pflege-Familien müssen damit umgehen können, dass es regelmäßigen Kontakt zwischen Kindern und ihren leiblichen Eltern geben wird. Das ist gesetzlich verbürgt: Kinder haben ein Recht auf ihre leiblichen Eltern.
Im Falle des kleinen Benjamin ist es von Vorteil, dass Tanja Holtmann selbst als Pflegekind aufgewachsen ist. Sie kennt die seelische Zerrissenheit aus eigener Vergangenheit, möchte den Rückhalt, den sie selber erfahren hat, weitergeben. "Es ist wie eine feste Burg. Man fühlt sich vertraut und geborgen."
Sich in die Welt eines Kindes hineinversetzen zu können - das ist für Silke Lahrs ein ganz wichtiges Kriterium bei der Suche von geeigneten Pflegefamilien. Klar: Es gibt Honorare für die Aufnahme von Pflegekindern. Im Fall von Benjamin sind es monatlich 667 Euro. Aber wer die regelmäßige Überweisung zur Grundlage für die Aufnahme eines Pflegekindes nimmt, ist nach den Worten von Silke Lahrs schlecht beraten.
Man muss schon mit dem Herzen bei der Sache sein und mehr als eine schlaflose Nacht in Kauf nehmen, weiß die Expertin, die sich seit über 20 Jahren mit der Vermittlung von Pflegekindern beschäftigt. Auch für Tanja Hofmann steht die finanzielle Entschädigung nicht im Vordergrund. "Ich habe ein Faible für Kinder. Ich könnte zehn Kinder um mich haben."
Lust auf mehr? Den Holsteinischen Courier jetzt
2 Wochen kostenlos testen.





