HOLSTEINISCHER COURIER

 

Absage aus Sicherheitsgründen

Nazi-Demo: Krawalle in der Stadt

23. August 2010 | 04:50 Uhr | Von Dörte Moritzen

Linksautonome zertrümmern auf dem Parkplatz hinter der Post einen Betonring, um handliche Wurfgeschosse zu bekommen.

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Neumünster. Was friedlich begann, endete letztlich doch mit massiver Gewalt. Ein Aufmarsch von Neonazis, der am Sonnabendmittag eigentlich quer durch die Innenstadt gehen sollte, wurde zwar im letzten Moment noch von der Polizei aus Sicherheitsgründen abgesagt, doch danach kam es zu Gewaltausbrüchen auf dem Gänsemarkt und rund um den Bahnhof. Gewaltbereite Gruppen aus der rechten und linken Szene waren beteiligt und sorgten für erschreckende Szenen. Die Polizei hatte stundenlang alle Hände voll zu tun.

Gegen 9 Uhr hatten sich zunächst rund 50 Demonstranten auf dem Konrad-Adenauer-Platz versammelt, um dort friedlich gegen den Neonazi-Aufmarsch zu protestieren. In kurzen Reden erinnerten sie an rechte Anlaufstellen und Aktivitäten in der Stadt. Außerdem bezweifelten sie, dass die Rechten an diesem Tag tatsächlich an den Todestag Friedrichs des Großen im Jahr 1786 erinnern wollten. Immerhin nahm sich der Kriegsverbrecher Rudolf Heß am gleichen Tag im Jahr 1987 das Leben. Neben zahlreichen Vertretern linker Verbände standen auch einige Politiker zwischen Fahnen, Bannern, Luftballon und Kinderwagen. "Wir wollen Gesicht zeigen", erklärte Sebastian Fricke von den Grünen, der mit Ehefrau Olga und Töchterchen Emma gekommen war. Andreas Hering (SPD) meinte: "Wir wollen ausdrücken, dass Nazis in dieser Stadt keinen Platz haben. Die Rechten sind ein gesellschaftliches Problem."

Während am Bahnhof noch friedlich demonstriert wurde, verteilten sich immer mehr gewaltbereite Linksautonome in der Stadt und postierten sich in Grüppchen an dem geplanten Marschweg der Neonazis. Die Polizei, die Verstärkung aus Berlin, aus Hamburg und von der Bundespolizei bekommen hatte, zählte rund 350 Linksautonome. Als erste Vorsichtsmaßnahme wurden die 80 Rechtsradikalen, die ähnlich wie ihre Kontrahenten überwiegend mit der Bahn anreisten, kurzerhand durch den Tunnel zum Postparkplatz an der Friedrichstraße geleitet und durften sich nicht wie geplant auf dem Parkplatz zwischen Schleusberg und Wasbeker Straße sammeln.

Und damit war die Veranstaltung der Rechten dann auch schon so gut wie vorbei: Am Tunnelausgang, abgeschirmt von Polizisten in Vollschutz, machte die Einsatzleitung den Rechten das Angebot, zum Schutz aller Teilnehmer nur eine Kundgebung abzuhalten. Die Begründung: Es sei nicht genug Polizei vor Ort, um die Sicherheit zu gewährleisten.

Die Neonazis quittierten den Vorschlag jedoch mit wüsten Beschimpfungen, hakten sich zur Kette ein, brüllten Parolen und Beleidigungen und stürmten auf die Polizeibeamten los. Nach einer kurzen Rangelei beendeten die Rechten selbst ihre Kundgebung, zumal die Ermittler festgestellt hatten, dass der Versammlungsleiter der Neonazis alkoholisiert war und damit gegen das Versammlungsrecht verstoßen hatte. Weil die Neonazis den Post-Parkplatz aber dennoch nicht verlassen wollten, sprach die Polizei Platzverweise aus und geleitete die überwiegend kahl geschorenen und vermummten Teilnehmer zu den Zügen.

Mittlerweile hatten sich einige Linksautonome auf der Friedrichstraße dem Postparkplatz genähert: Knallkörper flogen in Richtung der Kontrahenten und der Polizei. Die Beamten bildeten eine Kette, um die Gruppen zu trennen. Daraufhin versuchten Anhänger der linken Szene vehement, den Bahndamm zu erklimmen. Auf dem Parkplatz hinter der Post wurden große Betonringe zerschlagen. Dunkel vermummte Gestalten reichten ihren Mitstreitern auf dem Bahndamm Wurfgeschosse herauf, die Richtung Bahnsteige geschleudert wurden. Von dort wurde zurück geworfen.

An der Linienstraße wurde ein älterer Radfahrer beinahe von einer Bierflasche getroffen, die seinen Kopf knapp verfehlte und auf das Pflaster knallte. Zur gleichen Zeit kam es am Gänsemarkt zu gewalttätigen Rangeleien, wo Linke und Rechte aufeinander trafen. Passanten verdrückten sich erschrocken in die Seitenstraßen. Im Krankenwagen wurden Platzwunden versorgt. Neun Anhänger des linken Spektrums wurden vorläufig festgenommen. Nach offiziellen Angaben der Polizei gab es nur einen Verletzten. Erst am Nachmittag kehrte wieder Ruhe ein.


 

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