HOLSTEINISCHER COURIER

 

Gänsehaut bei polnischer Dorfmusik

31. Juli 2010 | 04:10 Uhr | Von Helmut Friebel

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Grossenaspe. "Nehmt eure Kinder, geht nach Hause und dienet niemandem." Als diese Zeile in Altpolnisch zu sphärischen Klängen, immer wieder im Schreigesang wiederholt, den Reitboden auf Hof Bissenbrook füllten, da liefen den 550 Zuhörern Schauer über den Rücken - auch wenn die meisten den Text nicht verstanden, "Afghanistan" der Warsaw-Village-Band konnte als Friedenslied eindringlicher nicht sein.

Was die Dörfler aus Warschau selbst als "Hardcore-Folk" oder auch "Bio-Techno" bezeichnen, hat längst die weltweite Folkszene erobert, wurde mit Preisen überhäuft. Bei Polen als Länderschwerpunkt durfte das Schleswig-Holsteinisch Musik Festival in seiner Programmgestaltung daran nicht vorbeigehen. Recht getan: Am Donnerstagabend wurde in Großenaspe eine innige und doch zeitgemäße Heimatliebe demonstriert. Doch was da vor 13 Jahren in der Hauptstadt entstand, ist eine intellektuelle Sache mit Sendungsbewusstsein.

Die Band, die in Polen unter dem Namen "Kapela ze Wsi Warszawa" (Warschauer Dorfband) fungiert, begab sich auf musikalische Entdeckungsreisen im eigenen Land und lernte von älteren Musikern die fast schon vergessene Folklore. "Wir spielen Lieder, die 100 bis 400 Jahre alt sind", sagt Piotr Glinski. Die Musiker griffen die Melodien, Gesangstechniken und Instrumentationen auf, kreierten gleichzeitig ihren eigenen Stil. Doch auch der ist in diesen Wurzeln verhaftet, so zum Beispiel der Gesangsstil, ein Melodie erzeugender Schreigesang, typisch für osteuropäische Volksmusik, vor allem bei Bergbewohnern, um auch über weite Entfernungen gehört zu werden. Maja Kleszcz (Cello), Magdalena Sobzak-Kotnarowska (Zymbal) und Ewa Walecka (Violine) setzen das wunderbar um, wobei die Einbindung moderner Elemente wie Scratchen, Hall und elektronischer Sirenen zu einem eigentümlichen Klangerlebnis führen: neuer Klang mit alten Melodien. Dazu benutzen sie Instrumente, die man kaum in moderner Musik hört: Rahmentrommeln, Zymbal und Drehleier sowie die Wiederentdeckung der fast vergessenen Suka, einer altpolnischen Fiddle, die mit den Fingernägeln gespielt wird. Die "Dörfler" ließen das Instrument nach einer alten Vorlage rekonstruieren.

Alte Traditionen sollen bewahrt werden und gleichzeitig wird mit ihnen experimentiert, um sie lebendig zu erhalten. Das ist das Credo der sechs überaus professionellen Musiker. So wie sie auch mit ihrem widersprüchlichen Namen (Dorf und Warschau) der Entwurzelung von ländlicher Kultur und Folklore in Zeiten der Globalisierung entgegen wirken wollen.

Das funktionierte auf Hof Bissenbrook, wo keineswegs nur Fans der "Village-People" versammelt waren. Nur ganz wenige ließen sich nicht von der Rhythmus geprägten Musik gefangen nehmen, verließen den Reitboden vorzeitig. Geigen fiedeln, ein Cello sägt brachial zu hallenden Trommel dazwischen. Letztlich begeisterten sie damit sowohl Rocker, Punker und eben Traditionalisten. Auch der Schalk sitzt ihnen im Nacken. Warum sie denn stets so ernst blieben oder gar wie Trommler Marciej Szajkowski gleich einem unendlich gelangweiltem Kontrabassisten im Symphonieorchester drein blickten. "In Polen ist Musik eine ernste Sache", klärt Piotr Glinski auf - und lächelt dabei.


 

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