HOLSTEINISCHER COURIER
Lügen amüsierten Publikum
Neumünster. Florian Zeller (geb. 1979) gehört zur Gattung französischer Boulevard-Autoren, die aus Nichtigkeiten und Alltäglichkeiten einen amüsanten Theaterabend basteln können. Er geht ein gewichtiges Thema leicht an und fragt: Was ist Wahrheit? Ist Lüge das Gegenteil von Wahrheit? Können Lügen einen geliebten Menschen schützen? Oder ist, wie Brecht es formuliert, "die Wahrheit dem Menschen zumutbar"?
Auch wenn das Programmheft die klugen Sprüche großer Denker bemüht, gar so hoch hängt Zeller seine Komödie "Die Wahrheit oder von den Vorteilen, sie zu verschweigen, und den Nachteilen, sie zu sagen" (Uraufführung 2011) dann doch nicht. Er strickt geschickt ein verwirrendes Lügengespinst, in das die Wahrheit irgendwo mit eingewirkt ist - man weiß nur nicht genau wo. Und das ist der Reiz der "Vierecksgeschichte", in der sich alle Beteiligten gegenseitig Fallen stellen und zum Vergnügen des Publikums auch hineintappen. In sieben Szenen lernen die Zuschauer im mit 550 ausverkauften Theater zwei Ehepaare kennen: Michel ist mit Laurence verheiratet, Paul mit Alice, die wiederum die Geliebte von Michel ist. Der notorische Lügner fühlt sich ausgesprochen wohl und sicher in dieser Konstellation - bis Alice aus Schuldgefühl ihrem Mann die Wahrheit sagen will. Michel ist aufs Höchste verunsichert, jede Lüge zieht eine neue, noch absurdere nach sich, und dennoch spielt er bei Ehefrau, Geliebter und bestem Freund den Moralischen. Am Ende fehlt ihm jeglicher Durchblick, er hat aber wohl eine Ahnung, dass Laurence, die eine verständnisvolle Ehefrau zu sein scheint, eigentlich nur Paul nachtrauert, der einen Job in Schweden annehmen wird.
Aber vielleicht ist alles auch ganz anders. Regisseur Peter Lotschak inszenierte das heitere Nichts, das ein wenig behäbig in Gang kam, wie ein Streichquartett mit wechselnden Führungsstimmen. Jede Figur hatte ihr spezielles Solo, und die Schauspieler nutzten die Möglichkeiten ihrer Rollen, denen sie im Verlauf des Abends viele Nuancen gaben. Im Mittelpunkt Michel, den Helmut Zierl als geschickten Lügner und ungeschickten Wahrheitssucher spielte. Erheiternd seine moralische Entrüstung, wenn er die anderen beim Lügen zu ertappen glaubte. Präzise gelang der Schlagabtausch mit Paul, von Uwe Neumann sehr sympathisch gestaltet, unbekümmert verliebt erfreuten die Szenen mit Alice, gut gespielt von Susanne Berckhemer. Echtes Gefühl spürte man im Gedankenaustausch mit Ehefrau Laurence, die Karin Boyd angenehm zurückhaltend interpretierte. Es gab viel Beifall für das Gastspiel des Euro-Studios, für das Schauspielerquartett und für die heitere Abhandlung über das immerwährende Thema Lüge und Wahrheit.
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