HOLSTEINISCHER COURIER

 

Als Hildegard Knef in die Stadt kam

11. Februar 2012 | 00:10 Uhr | Von Udo Carstens

Verbeugung vor dem Weltstar: Oberbürgermeister Dr. Uwe Harder begrüßt Hildegard Knef in der Buchhandlung Lübbert.

Menschenauflauf am 23. November 1971 in der Lütjenstraße / Buchhandlung Lübbert hatte Signierstunde für "Der geschenkte Gaul" organisiert

Neumünster. Aufmerksam hatte Wenka Lübbert den Courier-Bericht über Hildegard Knef und ihren dritten Ehemann Paul Schell gelesen, der heute in Neumünster lebt. Auch die Buchhändlerin im Ruhestand, die mit ihrem Ehemann Jürgen Lübbert die gemeinsame Buchhandlung von 1955 bis 1998 geführt hatte, besitzt ganz persönliche Erinnerungen an Hildegard Knef. Vor gut 40 Jahren gab’s bei den Lübberts nämlich eine Signierstunde - die halbe Stadt war in Aufruhr. *

So viel Begeisterung hatte die Innenstadt wohl noch nie erlebt - damals, am späten Nachmittag des 23. November 1971, als die Lütjenstraße noch keine Fußgängerzone war. Hunderte von Schaulustigen versperrten die Fahrbahn, die Polizei wurde zu Hilfe gerufen, um den Verkehr in der engen Durchfahrt zu regeln. Die Menschen drängten sich vor der Buchhandlung von Wenka und Jürgen Lübbert. Das Paar hatte Angst um seine Schaufensterscheiben, an denen sich die Neumünsteraner die Nasen platt drückten. Der Anlass für den Auflauf: Hildegard Knef hielt von 17.30 bis 18.30 Uhr eine Signierstunde für ihr Buch "Der geschenkte Gaul" ab.

Die Lübberts hatten an der Lütjenstraße 6 - später zog die Buchhandlung zum Mühlenplatz um - immer wieder Literaten und Schauspieler zu Gast. Nicht nur Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll signierte seine Bücher, sondern auch seine Schriftstellerkollegen Siegfried Lenz, Martin Walser oder Wolfgang Hildesheimer stellten ihre neuen Werke vor. Die Kabarettistin Ursula Herking zählte ebenso zu den Gästen wie die Film-Lieblinge Curd Jürgens oder Gustav Knuth, Sängerin Lale Andersen oder Schauspielerin Vivi Bach mit ihrem typischen dänischen Akzent.

Doch niemand dieser prominenten Tagesgäste konnte es an Popularität auch nur annähernd mit der großen Hildegard Knef aufnehmen, dem ersten deutschen Film-Star nach dem Kriege. Selbst Oberbürgermeister Dr. Uwe Harder ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen. Er unterbrach die Ratsversammlung und eilte mit einem großen Blumenstrauß in die Buchhandlung. Er war sichtlich stolz, der großen Diva gegenüberzutreten.

Hildegard Knef zeigte sich in Neumünster in Begleitung ihres zweiten Ehemanns, des britischen Schauspielers David Cameron. Wenka Lübbert erinnert sich noch gut daran, dass der Knef-Gatte ganz begeistert war von den seltenen Enten, die er auf dem benachbarten Mühlenteich entdeckt hatte. "Wir haben in den Büchern bei uns im Laden noch nachgeschlagen, um welche Tiere es sich denn handeln könnte", erzählte sie dem Courier.

26 Mark hat "Der geschenkte Gaul" in der gebundenen Ausgabe mit seinen knapp 500 Seiten damals gekostet. Mehr als 300 Exemplare haben die Lübberts allein an diesem Nachmittag verkauft. "Hildegard Knef schrieb sich förmlich die Finger wund. Sie verteilte nicht nur Autogramme, sondern auch freundliche Worte", stand einen Tag später im Courier. Sie trug Schuhe mit hohen Absätzen, dazu ein helles cremefarbenes Kostüm, das die Gastgeberin als "Breitschwanz" beschreibt: ein gebügelter, äußerst feiner Lammpelz mit ausgestelltem Jäckchen und Rock. "Ich hatte so etwas noch nie gesehen", zeigt sich Wenka Lübbert noch heute begeistert.

Hildegard Knef machte auf sie einen "grazilen, fast ätherischen Eindruck". Sie war stark geschminkt, sprach mit sehr tiefer, fast männlicher Stimme. Wenka Lübbert erinnert sich auch noch an die gemütliche Runde, die nach der Signierstunde in den hinteren Räumen der Buchhandlung zusammensaß. Dabei wurde auch kräftig auf die erfolgreiche Signierstunde angestoßen. Dem Schnaps schreibt es die Buchhändlerin zu, dass Hildegard Knef in ihrer ganz persönlichen Widmung für ihre Gastgeberin zwei kleine Fehlerchen unterliefen. Den 23. Oktober 1970 trug sie auf der ersten Seite des "Geschenkten Gauls" als Datum ein - doch in Wahrheit war es der 23. November 1971.


 

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