FLENSBURGER TAGEBLATT

 

Weniger Auslastung

Wirtschaftlich hart am Limit

25. Februar 2013 | 06:30 Uhr | Von Hannes Harding


Die ambulante Pflege ist auf dem Vormarsch, deshalb verringert sich die Verweildauer alter Menschen in Pflegeheimen. Dies wirkt sich negativ auf die Belegungsquote der Heime   aus und die sinkende Belegungsquote wiederum negativ auf die Qualität der Pflegekräfte.  Foto:  dpa

Die ambulante Pflege ist auf dem Vormarsch, deshalb verringert sich die Verweildauer alter Menschen in Pflegeheimen. Dies wirkt sich negativ auf die Belegungsquote der Heime aus und die sinkende Belegungsquote wiederum negativ auf die Qualität der Pflegekräfte. Foto: dpa

Ein Überangebot an Pflegeplätzen bei gleichbleibendem Fachkräftemangel macht den Einrichtungsträgern im Kreis Schleswig-Flensburg zu schaffen.

Schleswig-Flensburg. "Die Goldgräberstimmung ist vorbei", sagt Günter Karstens über die Situation auf dem Pflegemarkt im Kreisgebiet. Vor rund fünf Jahren waren Experten davon ausgegangen, dass sich der demographische Wandel dergestalt bemerkbar machen würde, dass der Bedarf an Pflegeplätzen deutlich zunimmt und daher in neue Einrichtungen investiert werden müsste. Inzwischen sei allerdings Ernüchterung eingetreten, sagt der Mann, der beim Kreis für die Pflegebedarfsplanung zuständig ist. Statt Wachstum setzte ein Schrumpfungsprozess ein.

Zwischen 2007 und 2013 ist die Zahl der Einrichtungen im Kreis von 67 auf 63 gesunken. Angesichts der Verknappung des Angebots könnte man denken, dann sollten doch wenigstens die verbliebenen Pflegeeinrichtungen profitieren. Doch auch dies trat nicht ein.

Weniger Plätze als 2007

Im Gegenteil: Viele Pflegeeinrichtungen im Kreisgebiet haben eine so geringe Auslastung, dass Gewinne kaum zu erwirtschaften sind. Im Durchschnitt liegt die Belegungsquote aktuell bei 89 Prozent. Waren im Jahr 2007 noch 3004 Plätze (mit Versorgungsvertrag) registriert, so sind es derzeit nur noch 2877. Bei den Verhandlungen mit Pflegekassen kalkulierten die Einrichtungsträger indes üblicherweise mit einer Auslastung von 97 Prozent, weiß Jan Wiese, Sachgebietsleiter Hilfe und Pflege - eine wirtschaftlich gefährliche Differenz.

Die Statistik weist sogar ein Pflegeheim aus, das durchgängig nicht mehr als 67 Prozent seiner Plätze belegen kann, weitere sechs Heime schaffen es nicht über die 80-Prozent-Hürde. "Das ist alarmierend", sagt Karstens. "Diese Heime werden Schwierigkeiten bekommen, und es sind nicht die allerkleinsten im Kreis." Überhaupt scheinen nicht nur die Demographie und die Qualität der geleisteten Pflege Einfluss auf die wirtschaftlichen Aussichten der Einrichtungen zu haben, sondern in starkem Maße auch die Verbundenheit der alten Menschen mit ihrer vertrauten Umgebung. Wiese: "Die meisten Menschen gehen dort ins Heim, wo sie gewohnt haben." Davon profitierten vor allem kleinere, inhabergeführte Pflegeeinrichtungen, so der Experte.

Fachkräftemangel ist ein zentrales Problem

Verschärfend wirkt sich auf die wirtschaftliche Situation auch der zunehmende Fachkräftemangel aus. Fehlt das qualifizierte Personal, kann nicht voll belegt werden, fehlt es an Belegung, wird das Geld für Fachkräfte knapp. Die Heimaufsicht des Kreises beobachtet vor diesem Hintergrund einerseits einen schärfer werdenden Wettbewerb um qualifizierte Kräfte, nimmt andererseits aber auch mit Sorge zur Kenntnis, dass es durchaus auch Träger gibt, die ihre Mitarbeiter deutlich schlechter bezahlen als andere. Davon betroffen sind vor allem Hilfskräfte. "Bei manchen ist es schon verständlich, wenn sie sich fragen, ob sie mit Hartz-IV-Leistungen nicht besser dran wären", sagt der zuständige Mitarbeiter Malte Asmussen.

Das bestätigt ein Pflegeheimbetreiber aus dem Kreisgebiet. Insbesondere die großen Anbieter - wie beispielsweise das DRK oder kirchliche Organisationen - zahlten zum Teil um bis zu 30 Prozent weniger als private Betreiber kleinerer Einrichtungen. Auch für ihn sei der Fachkräftemangel ein großes Problem, sagt der Mann. "Gut ausgebildetes Personal ist kaum zu kriegen. Qualifizierte Pflegekräfte können sich ihren Arbeitgeber regelrecht aussuchen und ihren Preis diktieren. Als Arbeitgeber stimmt man zu, man braucht ja gute Leute."

Zudem sei es für die Betreiber kleinerer Einrichtungen nicht praktikabel, sich Personal über Zeitarbeitsfirmen zu besorgen, wie es mancher große Träger praktiziert. "Nicht praktikabel und auch nicht gut", sagt der Mann, schließlich seien Pflegekräfte für die alten Menschen wichtige Bezugspersonen. Ein Kommen und Gehen beim Personal sei für die zu Pflegenden eine Zumutung. Unterm Strich seien seine Personalkosten in den vergangenen Jahren um gut 15 Prozent gestiegen. Und er wisse von Betreibern, die Investitionen zurückstellen, weil sie befürchten, neue Kapazitäten nicht mit dem notwendigen Personal ausstatten zu können.

Heimpflege senkt die Nachfrage

Ebenfalls erschwerend macht sich für Pflegeheim-Betreiber bemerkbar, dass die ambulante Pflege - durchaus politisch gewollt - auf dem Vormarsch ist. Dadurch hat sich die Verweildauer alter Menschen in Pflegeheimen in den vergangenen Jahren deutlich verringert. Lag der Schnitt bei der Verweildauer vor nicht allzu langer Zeit noch bei zwei bis drei Jahren, so liegt er heute bei nur noch sieben Monaten. Das ist für die Einrichtungen mit viel organisatorischem Aufwand verbunden. Zudem sind die alten Menschen, wenn sie dann ins Heim kommen, deutlich pflegebedürftiger.

All das führt dazu, dass sich die Qualität der Pflege nicht gerade verbessert. Zwar werden die meisten Pflegeheime vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) regelmäßig mit Bestnoten bewerten, doch längst werden die Ergebnisse und deren Präsentation durch den "Pflege-Tüv" von Experten in Zweifel gezogen. Auch bei der Heimaufsicht des Kreises sieht man diese Bewertungen mit Skepsis. Tatsächlich nehme die Zahl der Beschwerden, die dort eingehen, "leicht zu", bestätigt Malte Asmussen. Das gelte auch für die Zahl durch die Behörde verhängter Belegungsstopps.


 
Leserkommentare
 
KAY PETERS 25.02.2013 15:58
Da schwillt einem der Kamm,

wenn hier ganz selbstverständlich offenbar das grösste Problem ist, "dass Gewinne kaum zu erwirtschaften sind".
Und das vor allem beim Roten Kreuz und bei den kirchlichen Einrichtungen bis zu 30% niedrigere Löhne gezahlt werden...
Ist die Pflege und ein menschenwürdiger Abschied von dieser Welt nicht eine zentrale Aufgabe der menschlichen Gemeinschaft?
Oder ein Geschäftsmodell für "Sozial"konzerne?



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