FLENSBURGER TAGEBLATT

 

Schulhunde im Einsatz

Eine Hand am Stift, die andere am Hund

02. Februar 2013 | 04:20 Uhr | Von Anna Kahlen


Gabi Orrú (r.) unterhält sich auf dem Weg zu ihrer 5  b noch kurz mit einer Kollegin.

Gabi Orrú (r.) unterhält sich auf dem Weg zu ihrer 5 b noch kurz mit einer Kollegin.

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In der Heinrich-Andresen-Schule in Sterup besuchen drei Mal pro Woche "Stableford" und "Dimple" den Unterricht - wir waren in einer Stunde dabei

Sterup. Gabi Orrú hat es eilig. Sie schließt ihr Büro ab, macht sich schnurstracks auf den Weg zum Schulleiter. "Wenn die beiden nicht mit im Unterricht sind, dann sind sie im Büro vom Chef", sagt die Lehrerin und biegt um die Ecke. Rolf Lausen sitzt am Schreibtisch, lächelt, scheint mit Orrú schon zu rechnen - wie die beiden Hunde, die ihre Schnauzen an den Netzstoff ihrer Box drücken. Schon schlüpfen "Dimple" und "Stableford", Hunde der Rasse "Nova Scotia Duck Tolling Retriever", kurz "Toller", aus ihrer Behausung, recken und strecken sich entspannt - obwohl sie sich in einer für Hunde eher ungewöhnlichen Umgebung befinden: in einer Schule, der Heinrich-An dresen-Gemeinschaftsschule in Sterup.

Schon am Eingang liest man den Hinweis: "Ausgebildete Schulhunde im Einsatz", daneben ein "Hunde-Knigge". Die Verhaltensregeln in Gegenwart von Hunden hängen auch in der Klasse 5b. Und genau die ist Orrús nächstes Ziel. Es ist schon 9.58 Uhr, vor drei Minuten begann die dritte Stunde. "Die Kinder warten bestimmt schon", sagt sie, leint "Dimple" und "Stable" an und marschiert los. "Das sind meine liebsten Kollegen", sagt Lausen noch schnell. Schnell voran kommt Orrú allerdings nicht. Schüler laufen auf die Hunde zu, streicheln sie, das gleiche machen Kollegen. "Let’s go", sagt Orrú dann aber und nähert sich der Klasse.

Eine Hunde-Stunde ist es jedoch nicht, die hier nun ihren Anfang nimmt. Die Schüler stehen im Mittelpunkt, nicht die Vierbeiner. Fast, als wären sie gewöhnliche Klassen-Kameraden, nehmen sie am Unterricht teil. Keine wilde Aufgeregtheit, weil Hunde im Raum sind. "Dimple" und "Stable" haben auch hier ihre Box: Die Hündin sitzt obendrauf, "Stable" hat sich hineingesetzt. "Wenn ihr leise seid, darf er nachher auf den Tisch", verspricht Orrú.

Erst aber muss gerechnet werden. "Wir machen jetzt Mathe mit Dimple", verkündet Orrú. Ein Schüler nimmt einen Holzklotz, zeigt ihn dem Hund - und versteckt ihn. "Such Dimple!" Der Hund läuft los, stöbert die Regale ab - und wird schnell fündig. Er bringt dem Schüler das Objekt mit der Rechenaufgabe, und der liest vor. "66 : 6." Viele Hände gehen hoch. "René!" - "11". Orrú lobt alle Beteiligten - auch den Hund, "tüchtig!" Das Ganze wiederholt sich noch zweimal, bis Orrú sagt: "So, ihr bastelt jetzt bitte an euren Schneemännern und lernt Englisch-Vokabeln."

Dann wird still gearbeitet. Ein Schüler schreibt etwas am PC, zwei konzentrieren sich darauf, ihren Schneemann sorgfältig auszuschneiden, am Gruppentisch werden englische Wörter einstudiert. Und weil das alles so gut klappt, kommt nun der große Moment: "Stable" darf auf den Tisch. Wenige Sekunden später thront der Vierbeiner auf einer Hundedecke zwischen den Schülern. "Und jetzt wird wieder gearbeitet. Ihr wisst ja: Eine Hand am Hund - eine am Stift", sagt Orrú. "Stable" schweigt und genießt. Studieren, schreiben, streicheln - die Schüler arbeiten weiter. Dann kommt der "Hunde-Knigge" ins Spiel. Orrú fragt die Regeln ab. "Wenn Hunde im Raum sind, darf man nicht laufen, und nicht essen", weiß ein Schüler.

Es klingelt. Die Schüler packen zusammen, verlassen den Raum. "Dimple" und "Stable" bleiben bei Frauchen. Dass die Anwesenheit der Hunde sich "extrem positiv" auf das Verhalten der Schüler auswirkt, davon ist die 49-Jährige, die "Toller" züchtet, überzeugt. Die Klasse sei eine gewöhnliche 5. Klasse - es gebe gute, aber auch schwächere und schwierige Schüler. "Es ist ein Kind dabei, das ein halbes Jahr lang nicht zur Schule wollte, wegen Schulangst. Jetzt, wo die Hunde da sind, kommt es", berichtet sie. "Hunde sind immer freundlich." Die Kinder seien durch die Hunde offener, "sie sprechen mehr, zeigen mehr Emotionen". Das wirke sich auch positiv auf die Beziehung zum Lehrer aus. Orrú betont: "Es ist eine emotionale Begleitung in der Ausbildung der Schüler, die die Hunde übernehmen." Für sie selbst, sagt Orrú, bedeute die "hundgestützte Pädagogik" viel zusätzliche Arbeit, aber sie tue das alles sehr gern. Für die Schüler.

Es sei ein langer Weg, bis ein Hund das Zeug zum Schulhund habe. Eineinhalb Jahre habe sie ihre Vierbeiner auf den Unterricht vorbereitet. "Sie müssen ein super-gutes Wesen haben. Ob Geschrei oder schnelle Bewegungen - sie müssen viel mitmachen. Das ist für sie ein richtiger Job." Nicht umsonst hätten "Dimple" und "Stable" eine Begleithundeprüfung abgelegt. Hunde in der Klasse - da sei viel zu beachten, "vor allem, was die Hygiene anbelangt, das wird vom Ministerium gefordert". Zudem müssten regelmäßige Tierarztkontrollen nachgewiesen werden.

"Ich habe die Hunde auch schon zu Hause gelassen, weil es in der Stunde zuvor nicht so gut klappte, die Klasse zu unordentlich war", verrät Orrú plötzlich. Genau das habe sie den Schülern in der hundelosen Stunde erklärt. "Dann sind sie wieder ganz artig gewesen - und die Hunde kamen wieder mit."


 
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