FLENSBURGER TAGEBLATT

 

Wie die Dörfer in Bewegung kamen

19. Januar 2011 | 06:30 Uhr | Von Frank Jung

Schlagstöcke lassen nostalgische Erinnerungen wieder aufleben: Unewatt-Volkskundlerin Karen Precht (links) mit Jonathan Mohr und Ulrike Skehr von der Kreiskulturstiftung Foto: jung

Langballig. Die 100-jährigen Jubiläen des TV Grundhof und des STV Sörup haben den Blick des Landschaftsmuseums Angeln in Unewatt auf ein bisher unbearbeitetes Kapitel Kulturgeschichte gelenkt: Den Sportvereinen auf dem Lande widmet das Museum in diesem Jahr seine größte Ausstellung. Den Titel gibt es schon: "Auf die Plätze, fertig, los! Sportgeschichte im Spiegel der Vereine im Kreis Schleswig-Flensburg". Doch fast alles andere muss bis zur Eröffnung am 5. Juni erst noch entstehen. Dazu rufen die Ausstellungs-Organisatoren die Bürger und Vereine zum Mitmachen auf.

Zwei 50 Jahre alte Schlagstöcke hatte Museumsleiter Jochen Clausen zu einem ersten Vorbereitungstreffen in der Kreiskulturstiftung in Schleswig schon mal mitgebracht. Im Fundus des TSV Husby, bei dem er selbst einmal in der Woche Sport macht, hat er sie aufgespürt. "Schlagball ist mit die früheste Sportart, die in Angeln als Vereinsaktivität nachgewiesen ist", weiß Clausens Museumskollegin, die Volkskundlerin Karen Precht. Es handelte sich um einen Mannschaftssport. Ähnlich wie beim Baseball wurde mit den Schlägern ein tennisballgroßer Lederball - aus mehreren Elementen über Eck zusammengenäht - übers Spielfeld befördert. Für Grundhof ist die Disziplin schon vor nahezu einem Jahrhundert belegt: Precht zeigt ein Bild, das Fotografin Bertha Remmer 1913 vom dortigen Schlagball-Team gemacht hat. Männer mit Turnhosen bis übers Knie, Oberteilen überwiegend mit langen Ärmeln und so gar nicht sportlichen Kopfbedeckungen zeigt das Motiv. Nach Freizeitvergnügen sieht das Ganze nicht aus - so ernst, wie die Herren dreinblicken. Eine Standarte mit staatstragendem Adler und aufgeschichtetes Eichenlaub im Vordergrund unterstreichen den nationalen Impetus, den die Aktivität damals hatte.

Bewegungsdrang kann es nicht allein gewesen sein, der den Sport vor etwa 100 Jahren auf dem Lande verbreitete. Damals noch fast vollständig in der Landwirtschaft tätig, beanspruchte die Bevölkerung ihren Körper ohnehin ständig. "Wie es kam, dass die Menschen überhaupt Kraft für Sport übrig hatten", sagt Precht, "zählt zu den Fragen, die die Ausstellung klären soll." Wie sich der Leistungsgedanke, Politisches und Militärisches in den so genannten Leibesübungen spiegeln, möchte die Volkskundlerin in der bis Oktober laufenden Schau ebenso erörtern wie das Bedürfnis der Menschen, durch Bewegung ein Gegengewicht zum Arbeitsalltag zu schaffen. Die gesellschaftliche Funktion der Sportvereine soll genauso Thema sein wie ihre integrierende Wirkung. "Für die Akzeptanz der Flüchtlinge aus dem Osten nach dem Zweiten Weltkrieg spielte der Sport eine große Rolle", stellt Clausen fest. "Wer gut Fußball spielen konnte, war schnell beliebt." Noch völlig offen ist für Precht die Frage, wie sie die Zeit des Nationalsozialismus in der Ausstellung abbilden kann. "In den Chroniken fast sämtlicher Vereine hört 1933 alles auf - und 1945 fingen sie wieder an."

Vom Dritten Reich abgesehen, bieten Schriften der Vereine einen durchaus brauchbaren Fundus für die Vorbereitungen - aber sie tun es keineswegs allein. Precht: "Die Chroniken listen mehr auf als dass sie analysieren." Ihr Credo: "Nicht mit Altherrenschweiß, sondern pointiert und witzig soll unsere Ausstellung daherkommen." Vor allem suchen die Unewatter Objekte - "denn eine Ausstellung gelingt nur, wenn sich die Aussagen visualisieren lassen." Als Beispiele, was sie sich als Leihgaben aus der Bevölkerung wünscht, reißt Precht an: Blickfänge wie etwa historisches Sportgerät. Besonders alte oder prunkvolle Pokale. Über 50 Jahre alte Fußballschuhe. Das erste Trikot, auf dem Sponsorenwerbung auftaucht. Urkunden. Fotos. Zeitzeugenberichte, die entweder selbst aufgeschrieben sein oder von Mitarbeitern der Kreiskulturstiftung zu Protokoll genommen werden können, der Unewatt angegliedert ist.

Anders als normalerweise steht dem Landschaftsmuseum von der Dachorganisation in Schleswig bei dieser Ausstellung organisatorische Unterstützung zur Verfügung. "Ein so umfassendes Thema schafft man nicht zu zweit", sagt Clausen. Schon gar nicht, weil die Fühler auch zu allen 255 Sportvereinen zwischen Eider und Flensburger Förde ausgestreckt werden sollen. So viele sind beim Kreissportverband gelistet. Sie sind bereits Anfang Dezember mit der Bitte um Beiträge angeschrieben worden. Auf einem Bogen konnten die Adressaten bestimmte Kategorien denkbarer Exponate ankreuzen; auf freien Textfeldern in eigenen Worten Angebote formulieren. Bis jetzt liegt die Rücklaufquote jedoch nur bei 20 Prozent.

"Interessant ist erstmal fast alles - wir gucken dann, wo es sich lohnt, tiefer zu gehen", kündigt Clausen an. Precht ergänzt: "Den Ausstellungstitel haben wir so formuliert, dass er erstmal alles mitnimmt, aber trotzdem eine Richtung vorgibt."Wie schon bei früheren Ausstellungen will das Museums-Duo auch mit dem Sport-Thema "die Kommunikation mit den Menschen im Kreis eröffnen. Am Anfang wissen wir gar nicht, was kommt - aber hinterher gibt es durch die Zusammenarbeit mit der Region eigentlich immer ein tolles Staunen."


 

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