FLENSBURGER TAGEBLATT
Schlichterin ohne Verluste
Flensburg. Schieds...was? Es passiert häufiger, dass Gisela Thomsen in die falsche Ecke gestellt wird. Aber mit Fußball hat ihr ehrenamtlicher Beruf nun wirklich nichts zu tun. Höchstens, wenn wiederholt Juniors Fußball Nachbars Rabatten verwüstet und es handfesten Streit gibt. Das wäre zum Beispiel so ein Fall für die Schiedsfrau Gisela Thomsen (53) aus Flensburg-Weiche.
Gemeinsam mit drei Kollegen - Günther Börm, Claus-Henning Grüger und Erich Winkelmann - ist sie in Flensburg bemüht, für ausgleichende Gerechtigkeit unterhalb der Ebene der Gerichte zu sorgen. Die vier ehrenamtlichen Schiedsleute haben den Auftrag, zu vermitteln, ehe ein Konflikt den teuren Staatsapparat in Bewegung setzt.
Es ist nun einmal nicht zu ändern. Im Leben gibt es häufiger Streit. Immer fühlt sich im Streit mindestens einer verletzt, aber nicht immer ist ein Streit unter Privatleuten ein Fall für die Justiz. "Bei Privatklagedelikten wird die Staatsanwaltschaft in den meisten Fällen das öffentliche Interesse verneinen, das Verfahren einstellen und auf den Privatklageweg verweisen", sagt Gisela Thomsen. Aber vor die Erhebung einer Privatklage hat der Gesetzgeber den Vergleich gestellt - zum Beispiel unter Vermittlung eines der Schiedsämter.
Das hört sich nach trockenem Stoff an - ist aber ein Spiegel des prallen Lebens. Im Schlichtungsverfahren erleben Gisela Thomsen und ihre Kollegen die gesamte Bandbreite des gesellschaftlichen Alltags - und zwar quer durch alle Schichten. Drama inklusive. Grenzverletzungen, Schadensersatzansprüche, Beleidigung, Bedrohung, Nötigung - die Schiedsleute haben es sowohl mit privat- wie auch strafrechtlich relevanten Fällen zu tun.
Wenn sie wollte, wenn sie dürfte - die Schiedsfrau könnte eine Menge erzählen, über die Streitkultur der Deutschen. Sie darf es aber nicht. Zu ihren wichtigsten Arbeitsinstrumenten zählen Neutralität und absolute Verschwiegenheit. "Darauf habe ich einen Eid geleistet." Bekannt ist aber, dass die Streitlust munter steigt. Die deutschen Amtsgerichte ächzen unter der Last der Bagatellen. "Wir nehmen den Gerichten eine Menge Arbeit ab", sagt Thomsen. "Sehr viel Arbeit."
Ein Vorteil der Mediation ist, dass sie keine Verlierer erzeugt. Vor dem Strafgericht gibt es am Ende eine siegreiche Partei - am Ende eines Schiedsverfahrens steht eine Einigung. "Niemand soll am Ende das Gefühl haben, übervorteilt oder über den Tisch gezogen worden zu sein. Ich habe aber oft den Eindruck, dass beide Parteien am Ende dankbar aus dem Verfahren gehen."
Reich wird man damit nicht, denn bis auf eine Auslagenpauschale und eine Aufwandsentschädigung ist ihre Arbeit ehrenamtlich. "Ich finde diese Arbeit mit dem Menschen immer wieder faszinieren", sagt Gisela Thomsen. "Menschen sind einfach mein Ding!"
Die Flensburger Schiedsleute sind am Sonntag auch auf der Ehrenamtsmesse (von 11 bis 17 Uhr im Rathaus) mit einem eigenen Stand vor Ort.
Lust auf mehr? Das Flensburger Tageblatt jetzt
2 Wochen kostenlos testen.




