FLENSBURGER TAGEBLATT
Stationen einer Suche
Wohnung ja - Kinder nein!
Die aktuelle Tageszeitung enthält gerade eine Wohnungsanzeige, die ins Suchschema von Jürgen Gülich passt. Unter der Telefonnummer meldet sich niemand. Gülich hat einfach kein Glück. Und er hat eine große Familie. Aus seiner Sicht erschwert das die Wohnungssuche in Flensburg. Die älteste Tochter ist aus dem Haus; die drei Söhne sind elf, 17 und 18 Jahre alt. Stolz bemerkt der Vater, dass die beiden älteren weder rauchen noch trinken und eine Lehre antreten werden. Der 51-Jährige ist als Hausmeister einer Flensburger Schule angestellt im öffentlichen Dienst. Seine Frau geht einer Nebenbeschäftigung nach. Allesamt wohnen sie noch in Schleswig, "sitzen zum Teil auf gepackten Kartons"; die älteren Jungs pendelten so wie er zur Schule - seit bald einem Jahr.
"Wenn man mehr als ein Alibikind hat, ist man ein Außenseiter der Gesellschaft", klagt Jürgen Gülich. Das entnimmt er auch dem hörbaren Schlucken am Telefon, wenn er sagt, wonach er sucht und warum. Fünf Zimmer brauchen die Gülichs und orientieren sich an der Warmmiete von 800 Euro, die sie in Schleswig zahlten. Und weil Jürgen Gülich Handwerker ist, lässt er sich auch "keinen Mist" andrehen. Davon sei reichlich unter den 20 besichtigten Wohnungen bislang gewesen. Einen "Verschlag" anstelle eines Kinderzimmers habe man ihm andrehen wollen. Man würde eher fündig mit Haustieren eine Bleibe zu finden denn mit vielen Kindern, beschwert er sich. Das klinge wie ein Klischee, "doch man muss es erlebt haben". Als Traumziel schwebt ihm die Westliche Höhe vor, wo er aufgewachsen sei. "Da möchte ich wieder hin", wünscht er sich und pflegt seine Vorurteile. Die schlecht beleumundete Neustadt etwa käme nicht in Frage.
Rechtsanwalt Detlev Gutsch und Berater für den Mieterverein bestätigt: Auf dem Wohnungsmarkt sei es derzeit "schwierig, eine große Wohnung zu finden". Drei, vier derartige Anfragen, so schätzt Gutsch, erhalte der Mieterverein im Monat. "Die Tendenz ist erkennbar, dass lieber zwei Hunde als mehrere Kinder" akzeptiert würden."
Die Wohnungsbaugesellschaften hingegen zeigten Verständnis. Direktor Manfred Braun prüfte sofort den FAB-Bestand von 4300 Wohnungen, die fast alle vermietet seien. Er nennt zwei Angebote, eines jenseits des Budgets der Gülichs. Große Wohnungen gebe es beim FAB "nicht häufig, weil es leider wenige Familien gibt, die viele Kinder haben", bedauert Braun.
Ähnlich sieht es beim SBV aus. Christian Sommer, Abteilungsleiter Wohnungsbewirtschaftung und Prokurist, sagt, dass auch der SBV unter 7015 Wohnungen über 5-Zimmer-Apartments nur "in geringer Zahl" verfüge. Zugleich bietet Sommer seine Hilfe an, denn: "Wir wollen gern Familien mit Kindern und ein lebhaftes Wohnumfeld haben."
Die Stadt könne nur eingreifen, wenn Menschen von "Wohnungslosigkeit bedroht sind, durch Zwangsräumung zum Beispiel", sagt Pressesprecher Thomas Hansen.
Altbauwohnungen in der gesuchten Größe könnten sie sich nicht leisten; zum Hausbau sei er zu alt, klagt Jürgen Gülich. Und manchmal fasst der Flensburger die Welt einfach nicht mehr: Vor sechs Jahren habe er in Flensburg unter anderem in der Friesischen Straße gewohnt. Der Vermieter, mit dem er jüngst telefonierte wegen eines Angebots, kam ihm bekannt vor. Und tatsächlich: In eben der Wohnung habe er nämlich früher gelebt, erklärt Gülich und auch, dass sie nun in Euro kosten solle, was sie damals in D-Mark wert war.
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