FLENSBURGER TAGEBLATT
CO2-Endlager
CO2-Diskussion: "Wir wollen euren Dreck nicht"
Über 1400 Menschen kamen zur Informationsveranstaltung, die Professor Dr. Ilja Tuschy (am Pult) von der FH Flensburg moderierte. Foto: Weiner
Schafflund. Die Zahl der Befürworter der CCS-Technik und eines CO2-Endlagers unter der Geest dürfte äußerst gering gewesen sein bei der ersten zentralen Informationsveranstaltung des Kreises und des Amtes Schafflund. Trotz hochsommerlicher Temperaturen waren über 1400 Menschen in die Mehrzweckhalle der Gemeinschaftsschule gekommen. Und sie machten ihrem Unmut Luft. Wulf Titz, der zusammen mit anderen Vertretern der Bürgerinitiative erst vor kurzem 25000 Protestunterschriften in Berlin überreicht hatte, übergab in Schafflund jetzt erneut 22 000 Unterschriften an den SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Woldgang Wodarg.
Lang anhaltenden Beifall erntete Edmund Link aus Schafflund mit der eindeutigen Absage an die CCS- Technik: "Wir wollen Euren Dreck nicht, auch nicht in 2000 Meter Tiefe."
Die Sprecherin von RWE-DEA, Margitta Kley, räumte am Rande der Veranstaltung ein, dass man an den bisherigen Planungen festhalten werde, auch wenn man derzeit keinen Rückhalt bei der Bevölkerung in dem Untersuchungsgebiet habe.
Zum Auftakt der Veranstaltung hatte Landrat Bogislav-Tessen von Gerlach sich eine faire und sachliche Auseinandersetzung gewünscht. Amtsvorsteher Jürgen Schrum wies auf die bisherigen Aktivitäten - so auch den Protestbrief aller Bürgermeister im Amt an die Politiker in Kiel und Berlin sowie auf die Aktionen der Bürgerinitiative hin. Jürgen Strube aus der Kreisverwaltung machte deutlich, dass der EU-Richtlinie zufolge es Sache der Mitgliedstaaten sei, CCS-Anlagen zu ermöglichen. Wenn aber Lagerstätten vorhanden seien, müssten neue Kohlekraftwerke mit der CCS-Technik ausgerüstet werden.
Wissenschaftler: "CSS-Technik ungefährlich"
Professor Andreas Dahmke vom Institut für Geowissenschaften der Kieler Uni erläuterte das CCS-Verfahren. Er hält die Technik bei Beachtung einiger Grundvoraussetzungen für beherrschbar und ungefährlich. Als eindeutiger Befürworter der CCS-Technik gab sich auch Professor Dr. Olav Hohmeyer von der Uni Flensburg zu erkennen - sofern das CO2 aus nachwachsenden Rohstoffen stamme. Anhand von Klimamodellen erläuterte er, welche Folgen es haben würde, wenn man die Entwicklung einfach so weiterlaufen lasse. Gerade an der schleswig-holsteinischen Küste würden diese sich bemerkbar machen, wenn nicht gehandelt werde. Ab 2020 müsse der CO2-Emissionstrend weltweit stabilisiert sein und danach deutlich umgedreht werden. Die Anwendung der CCS-Technik bei der Verbrennung fossiler Stoffe könne nur eine untergeordnete Rolle in der CO2-Einsparung spielen. Einsparung, Effizienzsteigerung und alternative Energien seien die Gebote und kosteten nicht mehr als die CCS- Technik. Es ginge nicht an, eventuell später lebensnotwendige Lager-Kapazitäten einem kurzfristigen Gewinn der Kohle-Lobby zu opfern. "Kohleschutz ist kein Klinaschutz", sagte Hohmeyer.
Staatssekretär Jost de Jager vom Ministerium für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein rechnet mit einer Neuauflage der CCS-Gesetzgebung durch die Bundesregierung nach der Bundestagswahl, es gebe aber keinen Zeitdruck. Wer behaupte, Deutschland könne in den nächsten 20 bis 30 Jahren auf Kohleverstromung verzichten, rede die Unwahrheit. Dem widersprach Hohmeyer. In diversen Stellungnahmen der Bundesregierung sei sehr wohl eine Umstellung auf ökologische Stromerzeugung als möglich bezeichnet worden. Dazu müsste aber die geplante 30-Gigawatt-Kraftwerksleistung, die die Strom- und Kohlewirtschaft vorsehe, verhindert werden. Hohmeyer erwartet von der Landesregierung, dass sie sich dafür einsetze, dass der Strom, der heute von den Windmüllern produziert werde, auch abgenommen werde. Die Pipeline sollten diejenigen bauen, die seit Jahren nicht in der Lage seien, den hier produzierten Strom abzunehmen.
Wütende Einwohner
In der anschließenden Diskussion bekamen die Befürworter der CCS-Technik die geballte Wut der Einwohner des Amtes Schafflund zu spüren. Wallsbülls Bürgermeister Werner Asmus, einer der Sprecher der "Bürgerinitiative gegen das CO2-Endlager", dankte dem Staatssekretär für seine offenen Worte, die "im krassen Widerspruch zu den Aussagen von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen stehen". Alt-Amtsvorsteher Thomas Lorenzen wandte sich direkt an Jost de Jager: "Wenn du weiter so argumentierst, redest du dich und die Landesregierung um Kopf und Kragen. Hier haben sich über alle Parteiengrenzen und Interessengruppen hinweg viele Menschen solidarisiert", meinte Lorenzen. "Ihr macht zumindest die Landtagswahl kreise in dieser Gegend für die Grünen gewinnbar", sagte er - und das Publikum applaudierte.
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