FLENSBURGER TAGEBLATT
Wüstenstrom: Uni hilft bei Förderung
Flensburg. Strom aus der Wüste - ein Zukunftsszenario, an dessen Verwirklichung auch der Flensburger Hochschulcampus ganz aktiv beteiligt ist. Christian Jussen (29), der im Mai sein Studium des Energie- und Umweltmanagements (EUM) abgeschlossen hat, arbeitet bereits seit zwei Jahren aktiv an der Entwicklung des WEREEMa-Projekts (Windenergie, Erneuerbare Energien und Energieeffizienz in Marokko) mit, das Mitte dieses Jahres gestartet ist.
In dem Projekt, das durch das Umwelt- und Landwirtschaftsministerium von Schleswig-Holstein initiiert wurde, arbeiten unter der Leitung der Investitionsbank Schleswig-Holstein die Desertec Foundation, das Forschungsnetzwerk CeWind - über das der Campus Flensburg eingebunden ist -, das Biomassekompetenzzentrum in Kiel und die marokkanische Energieagentur (ADEREE) zusammen, um die Nutzung der erneuerbaren Energie in Marokko zu fördern. Der Grundansatz für die Nutzung der Potenziale der erneuerbaren Energien im Mittleren Osten und Nordafrika für die Stromproduktion kommt dabei von dem Desertec-Konzept. Dieses wurde bereits im Jahr 2003 durch ein Netzwerk von Wissenschaftlern und Privatpersonen entwickelt; die Realisierung dieser Idee ist heute die grundlegende Mission der gemeinnützigen Stiftung Desertec Foundation.
Marokko eignet sich für so ein Projekt sehr gut als Partnerland und könnte ein Musterbeispiel für die gesamte Region werden, sagt Jussen. Nicht zuletzt wegen der geographischen Lage, der langen Küstenstreifen mit hohen Windgeschwindigkeiten und den Hochplateaus im Atlasgebirge mit hoher solarer Einstrahlung bietet es einen attraktiven Boden für die Realisierung von großen Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien. Es ist in politischer Hinsicht sehr stabil und auch bei den erneuerbarer Energien ein Vorreiter in der Region. "Die marokkanische Regierung ist sehr ambitioniert und plant bis 2020 den Anteil der Erneuerbaren auf 42 Prozent der gesamten installierten Leistung zu erhöhen. Geplant ist der Bau von Solaranlagen und Windparks, mit jeweils zwei Gigawatt, was in etwa der Leistung von vier Atomkraftwerken entsprechen würde", erklärt Jussen.
Doch bevor Anlagen im großen Stil gebaut werden können, sind noch andere Dinge auf den Weg zu bringen. Ein Problem: Die Menschen vor Ort sind nicht entsprechend ausgebildet, sollen aber von den Solar- und Windprojekten profitieren. Ein Teil des Projekts kümmert sich daher um die akademische und technische Ausbildung von marokkanischen Fachkräften, beispielsweise sollen Masterstudiengänge akkreditiert werden. Zudem sollen Modellprojekte initiiert und Universitäten mit Laboren ausgestattet werden. Nicht zuletzt geht es auch um die Außendarstellung des Landes, um Lobbying für die Nutzung der erneuerbaren Energien. "Es müssen ja auch Investoren ins Land kommen. Die Potenziale sind da, können unter den aktuellen Rahmenbedingungen aber nicht optimal erschlossen werden", erklärt Jussen.
Er selbst beschäftigt sich derzeit in seiner Promotion bei EUM-Professor Olav Hohmeyer mit der Potenzialanalyse und der Integration der erneuerbaren Energien in die Stromnetze. "Wo viel Wind ist, kann nicht unbedingt viel Strom erzeugt werden", erklärt Jussen. Es müsse beispielsweise beachtet werden, wie die Stromnetze ausgelastet sind, ob es Abnehmer gibt und was der Strom kostet. Ein Energieeinspeisegesetz wie in Deutschland gebe es in Marokko nicht; Einnahmen fließen nur, wenn der Strom auch tatsächlich verkauft wird.
Finanziert wird das Projekt mit jeweils 1,5 Millionen Euro vom Bundesministerium für Umwelt und der Europäischen Union sowie mit 600 000 Euro Eigenleistung durch das marokkanische Energieministerium.
Christian Jussen, der für drei Jahre in Marokko arbeiten wird, findet den Ansatz der Desertec Foundation vorbildlich. Sie setzte auf Nachhaltigkeit und verfolge einen bildungs- und entwicklungspolitischen Ansatz: "Das Land soll auch etwas davon haben, in Form von Beschäftigung und Wertschöpfung", sagt Jussen, "und nicht Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen, um ihn dann ausschließlich nach Europa zu exportieren".
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