FLENSBURGER TAGEBLATT

 

Eine "ausgesprochen gute Gaudi"

14. Mai 2010 | Von Anna Kahlen


Das neue Heringskönigs-Paar: Annemarie Jessen von den Landfrauen und Horst Loreth vom Nautischen Verein. Foto: kahlen

Es hat schon etwas Kurioses bis nahezu Skurriles an sich, wenn rund 60 Promis - Persönlichkeiten, die sonst etwa einem Verein vorstehen, Ruderergometer-Weltmeisterin, Kreistagspräsident oder Bürgervorsteher sind - sich auf einem Seenotrettungskreuzer drängen und aufgeregt bis sichtbar ungeduldig darauf warten, dass ein Fischer sein Netz einholt und sie schätzen können, wie viel Pfund Hering sich darin tummeln. Wenn dieses ungewöhnliche Bild sich bietet, und wirklich nur dann, sind die Heringstage wieder über die Stadt hereingebrochen. Auch bei der 32. Ausgabe des großes Volksfestes widmet sich ganz Kappeln ausnahmslos dem Hering - und ist deshalb landesweit nicht nur bei Prominenten, sondern auch bei Normalbürgern allzu beliebt.

Diese hatten bei der diesjährigen Heringswette allerdings eindeutig das Nachsehen: Für sie gab es erst gar keine Wette, so wie es noch im vergangenen Jahr der Fall war. Dafür aber konnten sie umso gespannter - und vor allem entspannter - an Land abwarten, wie sich die Prominenten bei der Heringswette auf dem Seenotrettungskreuzer "Nis Randers" schlugen. Immer bemüht, den besten Blick zu erhaschen, die Stirn zum Teil schon vorher grübelnd in Falten gelegt, hatten die Promis ihn hier dann endlich vor sich, den Himmelfahrtsfang, den traditionsgemäß Gerhard Zander aus dem Heringszaun holte.

Das kleine Fischerboot neigte sich beim Einholen der Heringe ganz schön weit zur Seite. Vielleicht ein Hinweis auf einen besonders schweren Fang? "Ich hab’ die Zahlen von eins bis Hundert im Kopf, ich weiß nur noch nicht, welche passt", sagte Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, der auch an der Wette teilnahm. Nicht, dass er sie nicht schon einmal gewonnen hätte, doch das ist ganze 24 Jahre her. 1986 holte er sich den Titel Heringskönig, und er hat seitdem schon mehrfach versucht, ihn sich zurückzuholen. Er stellte jedoch klar: "Wenn ich hier war, habe ich auch mitgewettet, denn es ist eine ausgesprochen gute Gaudi. Aber es gibt genug andere, die den Titel verdient haben." Er nahm die Herausforderung also ganz gelassen, und wies zusätzlich darauf hin: "Derjenige, der Heringskönig wird, hat ja auch eine Menge Verpflichtungen. Und ich kann mich über Langeweile bestimmt nicht beklagen."

Wenige Minuten später hatten alle im Gedränge die Wett-Zettel ausgefüllt, und dann ertönte an Deck auch schon die Stimme von Uwe Frye vom Verschönerungsverein, der die Wette jedes Jahr ausrichtet. "Meine Damen und Herren, Ihre Zettel bitte", rief er und fügte lachend hinzu: "Keine Chance mehr, Herr Ministerpräsident!"

Wurde von den meisten mehr ins Blaue geraten, oder doch fachkundig geschätzt? Das zeigte sich erst gegen Ende der Eröffnungsfeier der Heringstage in der Koslowski-Halle, zu der sich - kaum an Land - dann auch schon alle aufmachten, angeführt vom Bläserkorps des Schützenvereins Kappeln-Schlei. Nachdem in zahlreichen Reden die lange Geschichte der Stadt Kappeln und die Bedeutung des großen Stadtfestes hervorgehoben worden war, alle Gäste - vor allem jene aus den Partnerstädten Merate in Italien und Ustka in Polen - begrüßt worden waren und nicht zuletzt in vielfältigster Weise die Schmackhaftigkeit, Einzigartigkeit und selbst die Schwarmintelligenz und der Nährstoffgehalt des Herings hervorgehoben worden waren, wurde das Rätsel um das tatsächliche Gewicht des Himmelfahrtsfanges endlich gelüftet.

Peter Harry Carstensen hatte zuvor in seiner Rede noch darauf hingewiesen, dass die Wette rund um Europas einzigen, noch funktionierenden Heringszaun "eine intellektuelle Herausforderung" sei, zumal man noch "alles in Pfund umrechnen muss". Fast wollte man dies als Ausrede dafür deuten, dass er schlecht abschneidet. Doch wenige Minuten später stand fest: 115,5 Pfund war der Himmelfahrtsfang schwer, und Carstensen schaffte es sogar auf den zweiten Platz bei den Herren. Als guter Verlierer gratulierte der Ministerpräsident schließlich Horst Loreth, Schatzmeister des Nautischen Vereins, und Annemarie Jessen von den Landfrauen zum Titel "Heringskönig" und "Heringskönigin" des Jahres 2010. Jessen verschätzte sich um nur eineinhalb, Loreth um zweieinhalb Pfund. Die Landfrau aus Grödersby stellte gleich klar: "Ich finde den Namen Heringszaunkönigin viel besser, ich bin also jetzt eure Heringszaunkönigin." Und so nahmen die 32. Heringstage mit dem neuen Heringskönigs-Paar ihren Lauf, mischte sich auch die Prominenz unter die vielen Stadtfest-Besucher, die sich trotz des trüben Wetters in Scharen in der Innenstadt und am ganzen Hafen tummelten.

Bookmarks
Icon Facebook
Icon Twitter
Icon Myspace
Icon Mister Wong
Icon YiGG
Icon Linkarena
Icon Webnews
Icon Delicious


Leserkommentare

 

Lokalausgabe wählen

 
 

100 JAHRE MARINESCHULE

Jubiläum in Mürwik
Die Alma Mater der deutschen Seeoffiziere feiert Jubiläum. Alle Artikel dazu auf unserer Sonderseite.

 
 
HOCHSCHULE
Campus-Seite
Neues von den Hochschulen im Norden

Newsticker Nord

 

Aus dem Polizeibericht

 

Meistgelesene Artikel

 
SERIE
Unter Nachbarn
Leben in der Region Schleswig-Sonderjylland.
 
SUCHE
SUCHE AUF SHZ.DE

HÄUFIG GELESEN

Elf brennende Autos in Hamburg

Hamburg (dpa/lno) - Schon wieder haben in Hamburg Autos gebrannt. Wie die Feuerwehr am Freitagmorgen ...mehr

 
 

Weitere Online-Angebote des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags:

Nordclick | Schweriner Volkszeitung | Norddeutsche Neueste Nachrichten | Der Prignitzer | Pinneberger Tageblatt | Quickborner Tageblatt | Schenefelder Tageblatt | Wedel-Schulauer Tageblatt | Barmstedter Zeitung | Handballwoche | Nord Sport | Sportmikrofon | Lokalschnack | Ge-Zeiten | Unter Nachbarn | Flensburg City | Schleswig-Holstein am Sonntag | Die Wochenschau | HALLO Wochenblätter | Hallo Sylt | Umschau | shp Schleswig-Holstein Presse | NordBrief


VERLAG | MEDIADATEN | KONTAKT | IMPRESSUM | AGB | DATENSCHUTZ