FLENSBURGER TAGEBLATT

 

Walforscher

Schweinswal-Population dramatisch dezimiert

06. Januar 2010 | 03:50 Uhr | Von Hans-Joachim Köhler

Die Population der Schweinswale in der Nordregion wird auf rund 100 Tiere geschätzt. Ob die Meeressäuger allerdings noch lange vor den Küsten Angelns und Schwansens anzutreffen sind, ist äußerst fraglich... Foto: dpa

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Spaziergänger sichten an Norddeutschlands Küsten ungewöhnlich viele tote Schweinswale. Jetzt schlagen die Experperten Alarm.

Nieby / Kappeln. So schlecht wie derzeit stand es um die Schweinswal-Population an der Ostseeküste Angelns und Schwansens noch nie: "Wir sind tief besorgt über die ungewöhnlich hohe Zahl von verendeten Schweinswalen in den küstennahen Gewässern", sagte gestern Dr. Andreas Pfander aus Kappeln, Experte für Meeressäuger und zuständig für den Bereich zwischen Flensburg und Eckernförde. Unter den 50 Totfunden des vergangenen Jahres befanden sich seinen Worten nach zu 80 Prozent Jungtiere, darunter jedoch nur zwei Totgeburten. Die an Land angeschwemmten Kadaver wiesen keine Spuren von Unterernährung auf. So gibt es für den Kappelner Walforscher für das Sterben so vieler Schweinswale nur diese Erklärung: Sie wurden Opfer der intensiven Fischerei, verfingen sich in Netzen und ertranken.

Pfander schätzt das Vorkommen der Schweinswale in der Nordregion auf etwa 100 Tiere. Doch sei dieser Bestand nach den genannten Ereignissen erheblich gefährdet. Weil die Hälfte der Meeressäuger 2009 nicht überlebte, schrillten nicht nur bei den Naturschützern die Alarmglocken. "Auch in den zuständigen Gremien der Landesregierung herrscht große Besorgnis", erklärte Pfander. Offen bleibt vorerst die Frage, ob sich der dezimierte Bestand durch Neugeburten und Zuwanderungen aus dem nördlichen Dänemark auf natürliche Weise erholen könnte.

Schweinswal-Orter gestohlen

Um die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu verbessern, werden seit fünf Jahren systematische Schallmessungen unter Wasser vorgenommen. Die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäuger hatte zuletzt - nach einer Fachtagung in Stralsund - einen neuen "Lauschangriff" in der Flensburger Außenförde veranlasst und vier Seemeilen vor der Angelner Küste beim Leuchtturm von Kalkgrund in zwölf Meter Tiefe ein modernes Abhörgerät (T-Pod 444) verankert. Dieser rund 1500 Euro teure "Horcher" sollte als ein wichtiger Daten-Sammler das Leben und Treiben der kleinen Wale dokumentieren - vor allem deren Wanderungsbewegungen nach dem plötzlichen Wintereinbruch. Pfander: "Wir hatten es am 1. Dezember 2009 installiert, just zu einem Zeitpunkt, als in diesem Seegebiet gleich elf Schweinswale auf einmal gesichtet wurden."

Doch als nach der üblichen Frist von einem Monat das Gerät geborgen werden sollte, mussten die Walexperten feststellen: Es war spurlos verschwunden. Pfander zeigte sich enttäuscht über diesen Diebstahl, bei dem der "Pod" nebst Schäkel aus seiner Verankerung herausgerissen worden war. Dabei ist dies keine Einzeltat: Schon in den Jahren 1999 und 2006 waren ähnliche Geräte von ihrem Standort im Meer bei Falshöft gestohlen worden. Beim ersten Mal hatte Pfander den Schaden von 1000 englischen Pfund aus eigener Tasche beglichen.

Die sympathischen Meeressäuger sind es wert

Entweder sei dieses Delikt dem Vandalismus zuzuschreiben, oder aber - was wohl noch schlimmer wäre - das Ganze gehöre zu einer Aktion von hartnäckigen Gegnern des Planes der Naturschützer, das Seegebiet zwischen der Kieler Förde und der dänischen Insel Alsen von den Behörden zu einem offiziellen Schutzgebiet für Schweinswale deklarieren zu lassen, sagt Pfander.

Trotz des abermaligen Rückschlags will sich der Experte nicht entmutigen lassen. "Wir werden weiter mit modernster und exzellenter Technik in den Lebensraum der Meeressäuger blicken, denn das sind uns diese sympathischen Tiere wert."


 

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