FLENSBURGER TAGEBLATT
Böller-Unfall
In Weding fielen Kinder schon öfter auf
Besuch aus Kiel: Sprengstoff-Experten des Landeskriminalamts suchten am Montag in Weding nach Spuren. Foto: Sörensen
Handewitt. Der spektakuläre Unfall von vier Kindern beim Hantieren mit Feuerwerkskörpern am Wochenende hält die Gemeinde Handewitt weiter in Atem. Gestern fuhren am Unglücksort, dem Fußweg hinter dem Parkplatz der Deutschland-Zentrale des "Dänischen Bettenlagers" im Ortsteil Weding, Autos mit Kieler Kennzeichen vor. Darin: Vier Sprengstoff-Experten des Landeskriminalamts. Sie schalteten sich in die Ermittlungen ein, da die Schwere der Verletzungen die Annahme nahelegten, dass die Kinder mit entsprechend hochexplosivem Material gezündelt hätten, sagte der Flensburger Polizeisprecher Volker Boldt.
Mittlerweile steht offenbar fest, dass die Explosion nicht durch ein explodierendes Feuerzeug verursacht worden war, wie zunächst angenommen. Nach Polizeiangaben haben die Kinder am Samstagmittag illegale Pyrotechnik abgebrannt. Einer dieser Böller ist den vier Jungen mit unglaublicher Wucht explodiert und hat die schweren Verletzungen verursacht.
"Die Häuser zitterten"
Der Knall war so laut, dass nach Schilderungen von Anwohnern der benachbarten Grundstücke "Häuser zitterten". Der Zehnjährige, der bei der Explosion eine Hand verloren hat, befindet sich inzwischen nach Mitteilung Boldts außer Lebensgefahr. Die Klinik bereits verlassen konnte gestern sein neunjähriger Bruder. Er wurde an den Beinen, im Bauch und am gesamten Oberkörper durch Splitter verletzt und erlitt Verbrennungen. Auch ein acht- und ein weiterer neunjähriger Verletzter sind inzwischen wieder zu Hause.
Handewitts Bürgermeister Dr. Arthur Christiansen will den Vorfall zum Anlass nehmen, einen kommunalen Präventionsrat zu gründen. Damit möchte er verschiedenste Akteure aus der Gemeinde stärker vernetzen, um bei verhaltensauffrälligen Jugendlichen intensiver gegenzusteuern zu können. Die Geschehnisse müssten auf breiter Front aufgearbeitet werden.
Faule Eier, zerkratzte Autos und Sitzblockaden
In einem Brief hat Christiansen den Eltern seine Anteilnahme ausgesprochen. "Es tut mir leid für Sie, dass Sie vor einer schwierigen Zeit stehen", schreibt er darin. Der Verwaltungschef äußert Verständnis, dass ihm die Adressaten signalisiert haben,, "dass Sie zunächst allein mit Ihrer Familie die Situation bewerten wollen". Zugleich sichert Christiansen zu, bei Bedarf auch mit einigem zeitlichen Abstand für Gespräche zur Verfügung zu stehen. Die Gemeinde stehe für jedwede Art von Hilfe zur Verfügung - auch, sollte zum Beispiel Unterstützung bei der Beschaffung einer Prothese für den Jungen mit dem verlorenen Arm gefordert sein. Zugleich erinnert der Bürgermeister die Eltern generell an ihre Mitverantwortung für das Tun ihrer Kinder: "Nach einer gewissen Zeit", so deutet Christiansen an, wünsche er sich, dass sich die Eltern Hinweisen von Nachbarn öffnen, wenn diese ungewöhnliche Beobachtungen an ihren Kindern schildern.
Im Wohngebiet "Kuhle", wo sich das Unglück abgespielt hat, klagen Bürger schon seit Jahren über Jugendliche, die durch "Blödsinn verschiedenster Art" auffallen, wie es Zeugen formulieren. Straßenlaternen werden ausgetreten, Eier gegen Fenster geworfen, parkende Autos zerkratzt, Autofahrer durch Sitzblockaden auf der Straße am Weiterfahren gehindert oder Kleinkinder von Spielplätzen vertrieben. Gemeindejugendpfleger Kai Boisen spricht von einer Gruppe von zehn bis 15 Heranwachsenden im Alter zwischen zehn und 16 Jahren, "die sich nicht so verhalten, wie sie sich verhalten sollten".
Einwohner sahen bereits im Februar Handlungsbedarf
Der Diakon ist seit März von der Gemeinde unter anderem als Streetworker auch in Weding eingesetzt, kennt drei der bei dem Unfall zu Schaden Gekommenen persönlich. Im "JuCa", dem Jugendtreff "Jugendcafe" neben der Wedinger Schule, arbeitete Boisen gestern Nachmittag den Schock auf, den die Ereignisse vom Wochenende im Viertel hinterlassen haben. Seit dem 1. September ist der Treff dank personeller Verstärkung durch die Gemeinde jeden Tag bis 22 Uhr geöffnet. Im Februar hatten Anwohner aus der "Kuhle" auf einer Sitzung des Sozialausschusses Handlungsbedarf seitens der öffentlichen Hand eingefordert.
"Bei manchen nützt es, dass man mit ihnen und ihren Eltern spricht, bei manchen nicht", schildert Boisen seine Erfahrung. "Hoffentlich wachen durch die Vorfälle vom Wochenende andere auf, die auch Unsinn machen", wünscht er sich. "Da nun klar wird, welche Folgen das auch für Jugendliche selber haben kann, verstehen sie vielleicht, dass wir sie nicht um des Verbietens willen vor bestimmten Sachen warnen, sondern, weil wir Angst um sie haben."
Notruf-Telefon eingerichtet
Zur Strategie von Gemeinde und Jugendzentrum zählt, eine Handy-Nummer an alle Bürger zu kommunizieren, unter anderem über das Gemeindeblatt: 0177/2837703. Fallen Heranwachsende unangenehm auf, kann man den Diakon darüber selbst abends anrufen - und er setzt sich dann umgehend in Bewegung an den Brennpunkt. Anfangs seien pro Tag oft zwei Anrufe eingegangen - in den kompletten Sommerferien hingegen nur drei Stück. Diese zwischenzeitliche Beruhigung wertet Boisen als Indiz, "dass wir mit dem Ausbau der Jugendarbeit durchaus auch Erfolge erzielen konnten". In letzter Zeit seien die Anrufe allerdings wieder etwas mehr geworden, berichtet der Betreuer.
"Ob die Ansprache der Jugendlichen hilft, hängt auch davon ob, wie das Elternhaus funktioniert", gibt er zu bedenken. "Die Gesellschaft hätte gut davon, wenn die Eltern auch mal glauben, was die Nachbarn ihnen über ihre Kinder sagen." Damit bestätigt er Andeutungen, die sich auch aus zahlreichen Kommentaren von Wedingern auf der Internet-Seite unserer Zeitung, shz.de, herauslesen lassen. Obwohl Weding mit seiner Einfamilienhausbebauung vordergründig als gutbürgerliches Quartier erscheint, sind Probleme mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen nicht nur nach Einschätzung Boisens "scheinbar seit längerer Zeit von dem einen oder anderen Erziehugnsberechtigten ein bisschen vernachlässigt worden". Er bestätigt Informationen von Anwohnern, denen zufolge es sich bei den jetzt Auffälligen schon um "die zweite Generation" handelt.
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