FLENSBURGER TAGEBLATT

 

In aller Seelenruhe auf "Öko"-Tour

04. Februar 2012 | 06:30 Uhr | Von Jenna Klingsporn

Bernd Kayser hinter dem Steuer des Lieferwagens, mit dem er in Angeln unterwegs ist.

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Bernd Kayser (63) beliefert Kunden in ganz Angeln und Flensburg mit Bio-Obst und -Gemüse/ Er genießt seinen Job ohne Zeitdruck

Schleswig-flensburg. Mit 42 Kisten wurde der Transporter beladen. 42 Kisten voll von Gemüse und Obst. Es ist 9.06 Uhr und Bernd Kayser ist abfahrbereit, bereit für seine Fahrt quer durch Angeln, um Menschen mit Bio-Waren zu beliefern. Er versorgt all jene, die Woche für Woche Biokisten bei der Firma "Lebendiges Land" (Bönstrup) bestellen. Kisten, die mit Gemüse aus ökologischem Anbau gefüllt sind, das saisonal angebaut und geerntet werden. Aber auch ökologisch erzeugtes Brot, Fleisch, Käse, Honig, Obst, Eier und vieles mehr geht mit Kayser auf eine fast geruhsame Reise.

Der 63-Jährige mag es, die Kisten zu verteilen. "Der Job macht mir Spaß - die Leute sind so kontaktfreudig." Seit sechs Jahren liefert er drei Mal pro Woche aus, mal ist er vier, mal zehn Stunden im Kreisgebiet unterwegs. Man lerne die Menschen kennen, die man beliefere, sagt er. Da sei auch hin und wieder Zeit für einen Klönschnack. Familien, Paare, Singles, egal - "Ökos gelten ja allgemein als nett", bemerkt Kayser.

Es geht nach Husby, quer durchs Neubaugebiet. Drei Mal hält der Öko-Lieferant allein in einer Straße. "Ja, das Geschäft lohnt sich, die Leute wollen sich und ihre Familien gut ernähren", freut sich Bernd Kayser. Er hält an, schaltet in den Leerlauf, holt die Kiste hinten aus dem Transporter, stellt sie vor die Tür, nimmt die leere Kiste von der vergangenen Woche wieder mit und macht einen Haken auf seiner Liste.

"Ich mache das gern, denn es lastet kein Zeitdruck auf mir", sagt er und erzählt ein Stück aus dem Leben vor seiner Beschäftigung für "Lebendiges Land". Denn davor war er Hausmann, hat zwei Kinder groß gezogen, während seine Frau ihren Job liebte und ihn weiter wahrnahm. "Das fing in den 70-er Jahren an - damals war das noch sehr ungewöhnlich." Aber das störte Bernd Kayser wenig: Er war gerne Vater, blieb gerne zu Hause. "Obwohl die Leute schon dachten: Was ist das denn für einer, will der nicht arbeiten?" Und hin und wieder hatte er mit ganz alltäglichen Problemen zu kämpfen: "Wickeltische sind noch heute meistens auf den Frauentoiletten - damals war es immer so."

Mittlerweile sind die Kinder erwachsen, für Bernd Kayser bestand die Möglichkeit zu arbeiten. Ein Freund erzählte ihm von der Bio-Firma, und jetzt ist Kayser bereits ein alter Hase. Zwar geht der Weg quer über das platte Land, über die kleinsten und schmalsten Straßen, aber dennoch kennt der Ökokurier die ganze Strecke in- und auswendig. Er guckt auf seine Liste und weiß, wo er lieber zuerst hinfährt, welche Liefer-Reihenfolge am praktischsten ist. Munkbrarup, Ringsberg, Glücksburg. Halbzeit - 11.11 Uhr: Zeit für einen kurzen Boxenstopp am Glücksburger Schloss. "Man muss ja auch wissen, wo man im Notfall eine Toilette findet", schmunzelt Bernd Kayser.

In Holnis fährt er am Wasser entlang und hält plötzlich an: "Hier verweile ich gerne einen Augenblick und blicke über das Meer." Die Sonne lugt zwischen den Wolken hervor. Hunderte Vögel schwimmen auf der Förde, einige kreisen am Himmel. Da ist Bernd Kayser für viele Lieferanten-Kollegen, wie von Post und Kurierdiensten, durchaus zu beneiden. Er muss keine festen Zeiten einhalten, wird nicht gedrängt, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit abzuliefern. Wenn er möchte, kann er ewig hinaus aufs Meer schauen, und kein Chef, kein Kunde, kein Handy stört ihn dabei. Klassische Musik erklingt leise aus dem Autoradio, als es weiter geht: Kiste hinstellen, alte Kiste mitnehmen. Langballig, Westerholz, Munkbrarup... .

"450 Kisten werden pro Woche ausgeliefert", erklärt Hilke von Appen, Gesundheitsberaterin bei "Lebendiges Land". Das Liefergebiet erstreckt sich von Kappeln bis Tarp, nach Süden bis nach Süderbrarup. Besonders viele Lieferungen gehen allerdings nach Flensburg. Je nach Wunsch und Bedarf gibt es verschiedene Kisten, so wie beispielsweise die "Stillkiste", die extra für die Stillzeit zusammengestellt ist, oder die "Regio-Kiste" nur mit Gemüse aus der Region. Dazu werden Rezepte auch geliefert, "denn viele Neukunden wissen noch gar nicht, was sie mit dem Gemüse anfangen sollen", erklärt von Appen.

Bernd Kayser weiß es, denn er nimmt auch privat Biokisten mit: "Und es ist jedes Mal eine Überraschung, was diesmal drin ist."


 

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