FLENSBURGER TAGEBLATT
Heizkraftwerk auf Hochtouren
Flensburg friert - Eiszeit an der Förde
Und es dreht sich doch: Das Wasserrad am Zob nimmt bizarre Formen an – im Eiswinter ist es immer wieder ein beliebtes Fotomotiv. Foto: Staudt
Flensburg. Montag, 8 Uhr. Die kälteste Nacht dieses Winters ist vorüber. Minus 13 Grad zeigt das Thermometer, als fröstelnde Autofahrer die Scheiben ihrer vereisten Fahrzeuge freikratzen und einige Unentwegte mit steif gefrorenen Gelenken ihre Fahrräder erklimmen.
Spaziergänger unter eisblauem Himmel sind dick vermummt. Nichts geht mehr ohne Mütze, Schal und Handschuh. Möwen staksen über die von einer weißen Schicht bedeckten Förde. Selbst die Oberfläche des Lautrupsbachs ist stellenweise zugefroren, das Wasserad am Zob zu einem bizarren Kunstwerk mutiert.
Viktoria Lippmann lässt sich davon nicht abschrecken. Sie läuft wie gewohnt ihre Strecke auf der östlichen Hafenseite. Drei bis vier Mal in der Woche joggt sie und hat sich warm angezogen. "Ich mache das nach dem Zwiebelsystem, die Kälte schreckt mich nicht ab", sagt die sportliche Frau. Heißt: Lieber viele dünne Schichten als wenige dicke. Es lohnt sich:. "Bei dem schönen Ausblick auf den zugefrorenen Hafen kann ich den Lauf heute richtig genießen."
Mike Sommer stellt auch weiterhin die Post fleißig mit dem Fahrrad zu. "Die Kälte finde ich nicht schlimm, die Post kommt wie gewohnt pünktlich." Erst bei Glatteis könne es Probleme mit der Zustellung geben. Dabei trägt der 36-Jährige nicht einmal Mütze und Handschuhe. "Handschuhe stören bei der Arbeit, man muss sie dauernd ausziehen, um die richtigen Briefe herauszufingern." Und Mützen mag Mike Sommer einfach nicht.
"Für die Sportboote wird es langsam eng", übermittelt Hafenkapitän Frank Petry auf Anfrage. Im Klartext: Sie liegen im Innenhafen fest. "Da wird wohl, im Gegensatz zu den Frachtschiffen, für die das Eis noch kein Problem darstellt, in den nächsten Tagen nichts mehr zu bewegen sein." Doch so arg wie im letzten Winter, als man Ende November schon von massiven Schneeeinbrüchen überrascht worden sei, "wird es wohl nicht werden", gibt sich Petry optimistisch.
Er qualmt wie ein Schlot. Aus dem 140 Meter hohen Schornstein der Stadtwerker quellen dicke schloweiße Wolken aus Wasserdampf. Die Kraftwerkskessel arbeiten ganz offensichtlich auf Hochtouren. Denn die Flensburger brauchen Wärme in diesen Zeiten dringender denn je.
Gegen 9 Uhr wird es rekordverdächtig. Da produziert das Unternehmen mit 407 Megawatt (MW) Fernwärme eine der höchsten Wärmeleistungen der letzten Jahre. Zum Vergleich: Bei sommerlichen Temperaturen erzeugt das Flensburger Heizkraftwerk mit 30 MW gerade mal acht Prozent dieses Wertes.
Zurzeit laufen fünf der sechs Kessel an der Batteriestraße im Dauerbetrieb - sie verfeuern täglich mehr als 1300 Tonnen Steinkohle, die per Radlader von der Kohlenhalde auf die Förderbänder zur Beschickung der Kessel befördert werden.
Dirk Roschek, Leiter des Kraftwerks, freut sich, dass alles reibungslos klappt: "Falls es noch kälter werden sollte, müssen sich die Flensburger keine Gedanken machen." Denn vier Reserveheizwerke stehen "stand-by" - sie werden vorgewärmt und können noch einmal 400 Megawatt zur Verfügung stellen. Für den kurzfristigeren Leistungsbedarf bei Wärmespitzen am Morgen oder Abend steht im Kraftwerk noch ein großer Wärmespeicher mit 29 Millionen Litern Wasser bereit. Es ist dort kochend heiß - selbst im kältesten Winter.
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Die aktuellen Betriebsdaten der Stadtwerke beweisen eindruckvoll wie sehr wir in Flensburg von unserem Fernwärmeversorger über den Tisch gezogen werden. An einem der kältesten Tage seit Jahrzehnten, benötigen die Kunden nur 400 MW Wärme. Diese Wärmeleistung müssen die Stadtwerke stets vorhalten auch wenn die Kunden sie nicht abrufen. Dafür berechnet das Unternehmen Grundgebühren, die sich nach der vorzuhaltenden Leistung richtet. Insgesamt rechnen die Stadtwerke weit mehr als 1000MW Vorhalteleistung mit ihren Kunden ab. Eine Leistung die niemals abgerufen werden wird, wie die aktuellen Zahlen zeigen. Der Kraftwerksleiter berichtet stolz, dass er die gleiche Leistung noch mal zur Verfügung hat. Wie kalt muss es denn werden bis diese Leistung zum Einsatz kommt?
Ein weiterer Skandal ist, dass die Stadtwerke an diesen kalten Tagen ihre Lieferverpflichtung bei den meisten Kunden nicht erfüllen. Das Heizwasser ist an den meisten Stellen mehr als 20 Grad kälter als es nach den Fernwärmelieferverträgen eigentlich sein sollte. Die Stadtwerke schaffen es im Bereich der sog. Sekundärnetze nicht die Qualität zu liefern, die sie den Kunden in diesen Versorgungsgebieten sogar besonders teuer berechnen. Kaum jemand ist in der Lage die Stadtwerke zu kontrollieren, wenn sie klammheimlich das gelieferte Produkt verschlechtern. Das Verhalten der Stadtwerke kann man mit einem Tankwart vergleichen, der an der Superzapfsäule nur Normalbenzin verkauft. Bei einem Tankwart wäre es Betrug, bei den Stadtwerken ein Kavaliersdelikt?
Wann wachen unsere Kommunalpolitiker auf und sorgen dafür, dass die Flensburger Fernwärme endlich bedarfsgerecht und transparent verrechnet wird?