FLENSBURGER TAGEBLATT
Flensburg
Eiskaltes Klima für Obdachlose
Flensburg. Für Reiner (53) waren die Zeiten besser, als Flensburg noch nicht so viele Studenten bevölkerten. Seither aber sei es noch schwieriger geworden, als Obdachloser eine adäquate Bleibe zu finden, "selbst als gebürtiger Flensburger", empört sich Reiner. Kürzlich habe er in einem Heizungskeller übernachtet; bei Frost findet er notfalls bei "Kollegen" Zuflucht, wie er seine Kumpels nennt. Eine Wohngemeinschaft ist nicht das, was er will: "Ich möchte mein eigenes Reich aufbauen, meine eigenen vier Wände." Bis vor kurzem hatte Reiner eine eigene Wohnung. Doch habe ihm die Vermieterin gekündigt, weil die Räume lediglich als Geschäftsräume genutzt werden durften. Ob das ein Vorwand oder der wahre Grund für die fristlose Kündigung war, weiß Reiner nicht. Er weiß nur, dass niemand verlässlicher die Miete zahle als das Amt. Und er wünscht sich eine Chance.
Das Klima habe sich verändert, sagt Michaela Ketelsen vom Tagestreff für Obdach- und Wohnungslose und meint nicht das Wetter. Hartz-IV-Gesetzgebung und Wohnungspolitik zählt sie auf als Ursachen für die zunehmend schwierigere Wohnungssuche für ihre Klienten. Nicht selten, so hört sie von den Männern, sei ein Gespräch mit potenziellen Vermietern dann vorbei, sobald es auf das Thema Arbeitslosengeld II komme. Nach Ketelsens Statistik haben 29 Männer ohne festen Wohnsitz im Dezember im Johanniskirchhof eine Postanschrift beantragt, sogar 48 weitere Männer meldeten sich wohnungslos im Januar. Um zu duschen, Wäsche zu waschen oder sich einfach nur bei Kaffee zu unterhalten, waren im vorigen Monat 1128 Männer im Tagestreff zu Gast - bis zu 67 täglich, sagt Michaela Ketelsen. An jenem Tag, als so viel los war, haben sechs der Männer im Freien übernachtet, 24 hätten Unterschlupf bei Freunden gefunden.
Zuflucht Bahnhof
Ein Dach über dem Kopf bietet die Obdachlosenunterkunft Wilhelminental, die in der Obhut der Fachstelle für Wohnhilfen der Stadt steht. Dort suchten in einer der ersten eiskalten Nächte elf Obdachlose eine Schlafstätte. Für weitere vier Menschen wäre Platz, weiß Clemens Teschendorf. "Es wird aber niemand abgewiesen", betont der Pressesprecher der Stadt.
"Die Unterbringung der Menschen in Unterkünften", auf die mittels Aushängen hingewiesen werde, habe Vorrang, sagt Sabine Brunkhorst, Sprecherin für die Deutsche Bahn. Doch gleichzeitig werden "Obdachlose in den Nachtstunden bei extremer Kälte nicht des Bahnhofs verwiesen", räumt sie ein - solange sie Reisende nicht belästigen. Gleiches wie für die Bahnhofshalle gelte für die beiden Wartehäuschen. Die seien gerade "umgebaut und angehübscht" worden sowie beheizbar, sollen aber erst in der nächsten Woche der Abnahme standhalten.
"Solange ich obdachlos bin, habe ich keine Rechte"
Ein "Kollege" unterstütze ihn jetzt mittels Internet bei der Suche nach anderthalb Zimmern, erzählt der obdachlose Reiner. Er habe "überall schon nachgefragt", sagt der 53-Jährige, und dass er sich für solche Gespräche "immer saubere, ordentliche Sachen" anziehe. Jeans, Turnschuhe, dicke Jacke mit Kapuze, darunter eine Mütze trägt er. Lippen und Hände schimmern bläulich vor Kälte; blau sind die kleinen Tätowierungen auf den Händen. Wenn er sich draußen mit den "Kollegen" trifft, um beim "Bierchen Probleme zu besprechen", ernten sie "böse Blicke" von Passanten. Reiner kann das nicht nachvollziehen. "Wir räumen sogar hinter uns auf!" Er ist Rentner wegen "chronischer Krankheit", darf aber 400-Euro-Jobs verrichten. Wenn es wärmer wird, will er wieder als Handlanger anpacken - "überall" habe er gearbeitet: in der Fleischerei, als Dachdecker, Maschinenarbeiter.
Im "Knast" saß er für "Ladendiebstähle"; an Menschen könnte er nicht Hand legen. "Im Gegenteil: Würde ich sehen, dass Jugendliche eine Oma angreifen, würde ich sofort dazwischen hopsen", behauptet Reiner. Manchmal stellt er sich vor, im Gefängnis zu wohnen: Da sei es warm und trocken und das Essen umsonst. Reiner macht sich viele Gedanken - die meisten um seinen Knirps. "Sie haben mir meinen Sohn weggenommen", klagt er und gibt seiner Ex-Frau die Schuld. Sie habe "gesoffen". Von dem Achtjährigen soll er sich fern halten. "Solange ich obdachlos bin, habe ich keine Rechte", sagt Reiner.
Michaela Ketelsen fragt nicht, "ob jemand verschuldet oder unverschuldet in einer Notsituation" ist. Wer Hilfe im Tagestreff sucht, findet welche. Jedes Jahr beteilige sich die Einrichtung am Winter-Notprogramm des Diakonischen Werkes Schleswig-Holstein in Rendsburg. Vom gestellten Betrag werden Schlafsäcke und Isomatten angeschafft, berichtet Ketelsen. Wer persönlich derartige Dinge spenden möchte, ist beim Tagestreff gern gesehen. Auch Winterjacken, lange Unterhosen, sogar Kaffee, Milch und Zucker "werden immer benötigt", sagt Michaela Ketelsen.
Leserkommentare
Ha Ha Ha... Sie sind echt lustig!
Ich bin ein großer Freund der USA - aber die hier beschriebenen Fälle sind in Deutschland immer noch eine Minderheit. In den USA indes hat sich das Heer der Obdachlosen allein unter Obama um millionen gesteigert - ohne staatliche Absicherung, Krankenversorgung oder ähnliches.
Natürlich ist hier das soziale Engagement einzelner geringer als in den USA - da hier Sozialleistung verstaatlicht wurde, während sie im Land of the free zu einem großen Teil noch in den Hänen privater Initiativen und Stiftungen liegt. Daran aber soziale Kälte festzumachen und ausgerechnet die USA als leuchtendes Gegenbeispiel zu bringen - dazu gehört schon eine völlig verdrehte Weltanschauung.
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Man, man, man....ist das wirklich schon so schlimm geworden, das Leute aus ihrer Wohnung rausgeschmissen werden koennen, weil der Vermieter hervor gibt die Wohnung als Abstellkammer benutzen zu wollen? Und das im Sozialstaat Deutschland. Schaemen solltet ihr euch alle! Hab' vor 22 Jahren in Flensburg gewohnt - da war es noch geil dort zu wohnen, die Leute halfen sich untereinander, man war interessiert am Leiden anderer und hat Unterstuetzung geboten. Heute ist jeder nur noch drauf aus den naechsten irgendwie abzuzocken. Vielleicht sollten die Affen, die staendig an irgendwelche korrupten Tierverbaende Geld stiften, angeschrieben werden und um Geld fuer ihre Naechsten gefragt werden. Dann werden wir sehen wer wirklich ein Herz hat und wer nur leer daher sabbelt. Ich bin froh das ich 1989 nach Amerika ausgewandert bin. Euer Deutschland ist nicht mehr das Deutschland, welches ich noch kenne. Ich fange an mich zu schaemen noch deutscher Staatsbuerger zu sein!