FLENSBURGER TAGEBLATT
Lisa Ristow von der Bahnhofsmission
Sie gibt der Nächstenliebe ein Gesicht
Flensburg. Sie ist praktische Hilfe, Seelsorgerin, Sanitäterin und wandelnde Fahrplanauskunft in einer Person. Nächstenliebe, Menschlichkeit. Das verkörpert Lisa Ristow, deren Gesicht jeder Reisende kennt, der den Flensburger Bahnhof mehr als nur einmal frequentiert hat.
"Das Wenige, das du tun kannst, ist viel." Dieser Satz Albert Schweitzers ist Leitmotiv der Bahnhofsmissionen in Schleswig-Holstein. Und kontinuierlicher Antrieb für die gläubige Christin. "Ich habe mein ganzes Leben schon ehrenamtlich gearbeitet", sagt die ausgebildete Diakonin. Irgendwann habe sie zusammen mit ihrem Mann die Entscheidung getroffen, bescheidener leben zu wollen. "Das Geld reicht auch so, haben wir uns gesagt."
Über eine Zeitungsannonce erfuhr sie von der Möglichkeit, bei der Bahnhofsmission einzusteigen. Das war 1995. "Sie war nicht leicht zu finden", sagt die 68-Jährige und schmunzelt. "Es gab nicht einmal ein Hinweisschild."
Was sich unter ihrer Ägide natürlich längst geändert hat - wie so vieles anderes. Denn es dauerte nicht lange, dass sie - zunächst mit ihrer Kollegin Irmgard Neumann, später in Eigenregie - die Leitung der kirchlichen Einrichtung übernahm.
Es waren nicht immer einfache Zeiten. So gab es Pläne, die vom Diakonischen Werk des Kirchenkreises und dem Caritasverband Flensburg getragene Mission zu schließen. Anfang 2000 brachen die kirchlichen Finanzhilfen weg. Lisa Ristow lud daraufhin Vertreter der Synode ein, um sie von der Notwendigkeit der Institution zu überzeugen. Ein Weiterbetrieb wurde zugesagt - unter der Auflage, Spendengelder einzuwerben. "Da habe ich kräftig getrommelt", sagt Lisa Ristow, "denn ohne Öffentlichkeitsarbeit läuft nichts."
Anlässlich ihrer bevorstehenden Verabschiedung im Rahmen des Gottesdienstes an St. Nikolai morgen um 10 Uhr denkt sie gern an die Anfänge zurück. Erinnert sich daran, dass damals ausschließlich weibliche Mitarbeiter mit ihren unauffälligen Lodenmänteln Reisenden mit Rat und Tat zur Seite standen. Heute sind mehr Männer als Frauen dabei - allesamt in schmucker blau-gelber Uniform. "Darin", weiß die Leiterin, "werden wir viel öfter angesprochen als vorher." In ihrem zwölfköpfigen Team findet sich der 25-jährige Student genauso wie der 60-jährige Rentner; ein pensionierter Lehrer und ein katholischer Pastor aus Österreich sind ebenfalls mit von der Partie.
Was Lisa Ristow an ihrer Arbeit besonders fasziniert, ist die Vielfalt an Menschen, die ihr am sozialen Knotenpunkt Bahnhof begegnen. Ob aus Neuseeland, Skandinavien oder dem Baltikum - "sie kommen aus aller Welt im kleinen Flensburg zusammen." So wie der Obdachlose, der darauf bestand, im Sanitärraum zu übernachten. "Den hätte ich fast mit nach Hause genommen." Noch hartnäckiger der Mann, der wiederholt mit Einkaufstüten voller Lebensmittel erschien und seine Mahlzeit partout in dem kleinen Häuschen auf Gleis 1 zubereiten wollte. "Das wurde irgendwann so bedrohlich, dass ich die Bundespolizei einschalten musste", erinnert sich die Flensburgerin.
Doch wer kommt und freundlich um eine Tasse Kaffee oder ein Stück Obst bittet, wer sich auch nur ein wenig aufwärmen möchte, der wird nicht abgewiesen. "Nur wenn wir merken, dass er uns ausnutzen will, zeigen wir ihm, wo der Automat steht oder das Bistro sich befindet." Trotz allem wird Lisa Ristow ihm Gottes Segen mit auf den Weg geben. Und sie darf gespannt sein, was ihr selbst morgen in der Nikolaikirche mit auf den Weg gegeben wird - nach 17 Jahren Dienst am Menschen.
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