FLENSBURGER TAGEBLATT

 

Blue Water Medal für Thies Matzen

"Segel-Nobelpreis" für ein Lebensmodell

06. Februar 2012 | 04:50 Uhr | Von Holger Ohlsen

Eigentlich sind sie zu dritt: Kicki Ericson und Thies Matzen setzen mit der "Wanderer III" auf traditionelle Werte. Foto: fotos: sh:z

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"Cruising Club of America" zeichnet Thies Matzen und Kicki Ericson als erste Deutsche mit "Blue Water Medal" aus

Flensburg. Wenn der ehrwürdige Cruising Club of America die Blue Water Medal vergibt, muss schon einiges passiert sein. Diese Auszeichnung wird seit 1923 für überragende Seemannschaft verliehen - und zwar überwiegend an Segler, die nicht so sehr im Rampenlicht stehen und darauf im Allgemeinen auch gar nicht so viel Wert legen: die Fahrtensegler. Am 2. März bekommen das erste Mal überhaupt zwei Deutsche die prestigeträchtige Medaille - von der Fachzeitschrift "Die Yacht" als "Nobelpreis des Segelns" bezeichnet: Thies Matzen (55), ein Flensburger aus Adelbylund, und seine Ehefrau Kicki (44).

Es ist keine singuläre Leistung, die von der Jury bewertet wurde. Keine schnelle Weltumrundung, keine riskante Passage, keine Heldentat, keine kritische Situation, die sie gemeistert haben. Ausgezeichnet wird das Leben, das sie gewählt haben. Ein Leben auf dem Meer. Sie sind seit 22 Jahren ein Team. Matzen, der gelernte Bootsbauer, traf "Kicki" Ericson, die studierte Architektin aus Schweden, 1989 auf den Virgin Islands, wo sie bei der Sanierung denkmalgeschützter Häuser half. Da war er bereits acht Jahre an Bord und zwei Jahre allein unterwegs, und Ericson ging eigentlich nur für einen Sonntagsausflug mit an Bord. In einem Interview, das sie vor vier Jahren dem "Stern" gaben, schildert Matzen den Übergang seiner Frau aus dem "normalen" ins Nomadenleben. "Im Nachhinein kann ich mich gar nicht erinnern, sie gefragt zu haben, ob sie mit nach Neuseeland kommen will. Aber irgendwie waren wir dann zusammen unterwegs."

Zusammen meint nicht nur die junge Schwedin, die Thies Matzen 1999 in einer alten Walfängerkirche in Südgeorgien heiratete, sondern auch eine schon etwas ältere Britin: die "Wanderer III". Das Boot. Ihr Zuhause. Sie wurde 1952 von dem renommierten britischen Yachtkonstrukteur Laurent Giles gebaut, und es scheint, als ob die "Wanderer" sich nur seelenverwandte Eigner sucht. Ihre Erstbesitzer waren Susan und Eric Hiscock, ein Paar, das den für die damalige Zeit revolutionären Lebensentwurf Matzens weit voraus genommen hatte und ebenfalls über Jahrzehnte die Welt bereiste. Eine Leistung, die der Wanderer III im Jahr 1955 die erste Blue Water Medal bescherte.

"Eigentlich wollte ich nichts besitzen, auch kein Boot", erinnert sich Matzen. "Dann kam Wanderer III auf mich zu. Eine Legende." Mit nur neun Metern Länge ein Vehikel, das nach heutigen Maßstäben den meisten Seglern enge Grenzen setzen dürfte. Aber was sind schon Maßstäbe? "Sie ist jemand, der alte Werte vertritt. Sie ist aus Holz, mit traditionellen Planken, Spanten, Kupfernägeln und ohne Leim. In den stürmischen hohen Breiten ein ziemlich fragiles Gebilde, zusammengesetzt aus 1000 Teilen. Du musst auf ihr ganz andere Entscheidungen treffen als auf einem Boot mit Stahlpanzer."

Und in stürmischen Breiten sind sie in den letzten Jahren hauptsächlich unterwegs gewesen. Erst Karibik, dann durch den Panamakanal für einige Jahre in den Pazifik. Es folgten Indonesien und der Indische Ozean, danach umrundeten sie das Kap der guten Hoffnung, von dort ging es in den Südatlantik: Argentinien, die Falklands, Süd Georgien, Kap Hoorn-Umrundung, Tasmanien, Neuseeland, Antarktis - das alles nach traditioneller Seemannschaft mit konventioneller Navigation und fast ausschließlich unter Segeln. Die einzige elektronische Ausstattung besteht aus einem Radio. "Ich navigiere mit dem Sextanten wie James Cook und Joseph Conrad. Es gibt keine absolute Gewissheit, dafür aber eine ungeheure Intensität. Die findet man nicht leicht im Leben an Land. Aber dort draußen findest Du sie."

Wanderer III ist nicht das, was man einen festen Wohnsitz nennen kann. Doch keiner der beiden will dieses Leben missen. Warum mache ich das? Die Frage der Fragen bei Eiseskälte und stürmischem Wind, die Frage nach der Vernunft beantworten beide mit größter Vernunft. Dieser Moment "kommt doch immer, auch wenn du jeden Tag ins Büro gehst. Dann musst du eine gute Antwort haben - die Balance muss stimmen. Im Büro und auf den Falklands", sagt Kicki. Und Thies: "Aber ich bin total vernünftig. Wenn Dir das Leben am Wasser und mit dem Wasser etwas bedeutet, wenn ein einfaches, freies, schonendes Leben für Dich einen Wert darstellt, dann kann man sich nicht viel vernünftiger verhalten als ich."

Interview im Internet: www.stern.de/reise/service/segeln-zwei-leben-auf-see-611985.html


 

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