FLENSBURGER TAGEBLATT
Tim Fischer als Hilde in Flensburg
Die Suche nach dem Glück
Klar und zart und einzigartig: Tim Fischer stellt sich den mächtigen Emotionen der Lyrik Hildegard Knefs. Foto: staudt
Flensburg. Liebe und Glück als viel zu seltene Gäste im Leben? Jeder, der so empfindet, fühlt sich umarmt, wenn Tim Fischer Hildegard Knef singt. Das gelingt ihm im Flensburger Orpheus-Theater am Wochenende an gleich drei ausverkauften Abenden hintereinander. Einer davon ist der zehnjährige Todestag der Knef, deren Leben auf so radikal berührende Weise von Schicksalsschlägen und unerfüllten Sehnsüchten geprägt wurde. "Geplant war es nicht, dennoch kann es kein Zufall sein, dass ich an Hildes Todestag hier auf der Bühne stehe - Flensburg ist für mich immer etwas ganz Besonderes", sagt Tim Fischer weit nach seinem ersten gefeierten Auftritt, noch immer so strahlend wie der frisch gefallene Schnee.
Ganz in Weiß und Schwarz - so tritt der zarte Chansonnier mit gewaltigen Emotionen in den beiden Hälften seines Konzertes auf die Bühne. Kein Platz für Grautöne, Tim Fischer lebt den kompletten Kontrast. "Ich will alles oder nichts", wie die Knef ihren roten Rosen singt, die auf sie regnen sollen.
Viele Texte der mutigen, so oft verletzten, dem Leben gegenüber schonungslos ehrlichen Lyrikerin Hildegard Knef haben noch tiefere, schwärzere, unversöhnlichere und endgültige Botschaften als das Rot der Rosen - und sie sind und bleiben wahr. Wie die Annonce vom toten Freund auf Seite drei, bei dem man sich längst melden wollte. Wie die Angst vorm Leben und auch die Angst vor dem "Weg, den wir alle einmal gehen müssen". Oder tiefe menschliche Einsichten wie das verzweifelte Streben, Ordnung zu schaffen in der Unordnung des Lebens oder den Zauber der Nacht, der für ein paar Stunden alle Fesseln des Lebens lösen kann.
Doch was wären die wunderbaren Texte ohne den Mut, mit dem sich Tim Fischer der emotionalen Wucht ihrer Inhalte stellt, diese in sich aufsaugt und mit seiner einmaligen Stimme, seiner professionell akzentuierten Aussprache und unnachahmlich sparsamer oder ausladender Gestik an sein Publikum zurück gibt. Ohne sein mitreißendes Lächeln oder seine bis auf den dramatischen Aufschlag der voluminös in Schwarz getuschten Wimpern erstarrten Gesichtszüge. Und natürlich ohne die perfekte Begleitung und harmonische Zwiesprache mit Rüdiger Mühleisen am Klavier. "Was für ein Abend! Ich danke euch sehr", sagt nach zweieinhalb Stunden der, der doch so viel mehr als alle anderen gegeben hat. Der Dank für Tim Fischer und seinen kubanischen Mann Rolando sind die Stunden nach dem Auftritt bei seinen Freunden, nur wenige Schritte vom Theater entfernt.
"Ich habe mich so sehr auf euch und das Essen hier gefreut", sagt der umgezogene, trotz erster grauer Haare scheinbar alterslose Tim Fischer, noch mit gepudertem Gesicht und rosenrot geschminkten Lippen - und genießt jeden Bissen der knusprigen Ente auf Apfelragout.
"Es gibt eine Zeit zum Lieben und Lachen, und eine zum Leiden und Streben", Tim Fischer gelingt es in seinen Konzerten, dies zu akzeptieren - und das Leben dennoch lieben zu können. "Glück kennt nur Minuten, der Rest ist ein Warteraum", schreibt die Knef. Tim Fischer hat seinen Flensburger Fans und Freunden die Wartezeit auf berührende Weise versüßt - mit einem Lächeln, das umarmen kann.
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