FLENSBURGER TAGEBLATT
Flensburg
Die Bufdis lösen die Zivis ab
Führt regelmäßig Gespräche: Florian Singh bei der Planung einer Wochenstruktur. Foto: Staudt
Flensburg. Der Zivi ist tot, es lebe der Bufdi. Über drei Jahrzehnte waren die Zivildienstleistenden aus vielen Krankenhäusern, Jugendeinrichtungen und Pflegeheimen nicht wegzudenken. Zivis fuhren Behinderte durch die Gegend, schoben Rollstühle, betreuten Alte oder Kinder, verteilten Essen auf Rädern. "Ohne Zivis geht bei uns gar nichts", hieß es aus vielen Einrichtungen, und das Geschrei war groß, als 2011 mit der Abschaffung des Wehrdienstes auch das Ende des Zivildienstes gekommen war.
Doch jetzt gibt es die Bufdis, auch BFD’ler genannt. Sie leisten den Bundesfreiwilligendienst, der an die Stelle des Zivildienstes getreten ist. Wie zum Beispiel Florian Singh. Der 24-Jährige ist beim Haus Norderhofenden beschäftigt, wo er "betreuungsflankierende Aufgaben" übernimmt. Das Haus Norderhofenden hilft psychisch Kranken bei der Wiedereingliederung ins normale Leben. Es betreibt Wohngemeinschaften, leistet aber auch ambulante Hilfen. Singh nimmt an Beratungsgesprächen teil, hilft den Klienten der Einrichtungen aber auch bei alltäglichen Dingen des Lebens. Er hat sich an der Hannah-Arendt-Schule für eine Ausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten beworben und will die Wartezeit bis dahin sinnvoll überbrücken.
Mürwiker Werkstätten als größter "Arbeitgeber"
Der größte "Arbeitgeber" für Bufdis in Flensburg sind vermutlich die Mürwiker Werkstätten. An den Betriebsstätten am Treeneweg, an der Raiffeisenstraße und anderswo sowie in Niebüll sind derzeit 21 Bufdis beschäftigt; rechnet man noch die Absolventen eines Freiwilligen sozialen Jahres (FSJ) und des Mürwiker sozialen Praktikums hinzu, kommt man auf 47 "freiwillige" Stellen. Man bräuchte eigentlich mehr Stellen, sagt Frank Kuhnig, bei den Mürwikern für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Bundesweit gebe es derzeit 35.000 Stellen, davon 2500 in Schleswig-Holstein. Der Andrang sei enorm, es liegen weitere Bewerbungen vor, berichtet Kuhnig.
Eine von denen, die eine Stelle bekommen haben, ist die 20-jährige Anna Lutz aus Flensburg. Seit dem 13. September 2011 ist sie dabei und wird in der Verpackungsgruppe in der Raiffeisenstraße eingesetzt. Sie steht den Beschäftigten bei der Arbeit zur Seite, leitet sie an, redet dabei viel mit ihnen. Anna will Medizin studieren und überbrückt die Wartezeit auf einen Studienplatz mit dem freiwilligen Dienst bei den Mürwikern. In der Verpackungsgruppe trifft sie regelmäßig auf Bente Herbst, die im Wohnheim der Mürwiker an der Moltkestraße lebt. Und dort wiederum trifft Bente regelmäßig auf Fahad Hussein, der ebenfalls einen sechsmonatigen freiwilligen Dienst leistet. Er hilft den Bewohnern in ihrer Freizeit bei der Bewältigung des Alltags, geht mit ihnen einkaufen, spazieren oder auch mal zum Friseur, macht mit ihnen Spiele und gestaltet die Freizeit.
"Engagement für das Gemeinwohl"
Fahad, 28, stammt aus Syrien und lebt seit zweieinhalb Jahren in Deutschland. Er hat in Syrien Geographie studiert und möchte in Flensburg eine Erzieherausbildung machen. Zivi hätte Fahad ebenso wenig werden können wie Anna: Der Zivildienst war der Ersatz für den Wehrdienst, und zu dem wurden nur Männer mit deutscher Staatsangehörigkeit einberufen. Zum Bundesfreiwilligendienst können sich auch Ausländer wie Fahad und Frauen wie Anna melden.
Und Ältere. Zwar sind die meisten Bufdis junge Menschen um die 20, wie auch die vier, die derzeit wie Jannik Weber an der Diako Dienst machen. Doch in der KiTa Sol-lie hilft seit dem 1. Oktober der frühere Stadtjugendpfleger Frithjof Witte (67): zwei Tage voll, drei Tage einmal morgens und einmal mittags. "Ich hole die Kinder morgens ab und fahre sie mittags nach Hause", so Witte, der seine Motivation schlicht mit "Engagement für das Gemeinwohl" beschreibt.
Zu den großen BFD-Anbietern in der Stadt gehört der Kita-Träger Adelby 1 mit insgesamt neun Freiwilligen, von denen allein vier in Sol-lie, je zwei in der Kita Adelby und in Timmersiek tätig sind und einer in der Krippe Marienallee arbeitet. "Wir haben derzeit vier BFDler im Einsatz", heißt es aus der Diako, "seit September sind drei im Hol- und Bringedienst (Patiententransport) und einer seit Mitte Januar in der Dialyse eingesetzt."
Bufdis - hier sind sie aktiv
Anbieter für den Bundesfreiwilligendienst sind in Flensburg (laut Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben Köln):
Alten- und Pflegeheim Nerongsallee, Diako, Stadtteildienst Flensburger Norden, Friholtschule, Kirchengemeinde Weiche, Haus Norderhofenden, Holländerhof, Adelby 1, Haus Regenbogen, Malteser Hilfsdienst, Mürwiker Werkstätten. Die Freiwilligen bekommen kein Gehalt, sondern ein Taschengeld in Höhe von max. 336 Euro im Monat. Wohngeld kann zusätzlich beantragt werden. Der Anbieter zahlt Beiträge zur Sozialversicherung.
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