FLENSBURGER TAGEBLATT
Die Bürgerversicherung als Zukunftsmodell
Sie hießen Karl Lauterbach in Gelting willkommen: SPD-Kreisvorsitzender Ralf Wrobel (l.),Ortsvereinsvorsitzende Bente Reimer und der Geltinger SPD-Fraktionschef Volker Detlefsen (r.). Foto: Köhler
Gelting. "Ich war schon mal in Kappeln und in einem kleinen Angelner Dorf, dessen Namen ich vergessen habe. Die Gegend hier gefällt mir gut." Da stand er nun "leibhaftig" vor den Mitgliedern des SPD-Ortsvereins Gelting und interessierten Besuchern im "Landkrog": Professor Dr. Karl Lauterbach, der Gesundheitsexperte der Sozialdemokraten im Deutschen Bundestag. Viele kennen ihn aus politischen Talkshows im Fernsehen, den Mann mit der Fliege. Doch im Kneippkurort trug er sein Markenzeichen nicht um den Hals. Er habe sich bei seinem Auftritt in dieser Runde etwas legerer gekleidet, ließ der
58-Jährige vernehmen, der sich in Schriften wie "Gesund im kranken System" vehement für die Einführung der so genannten Bürgerversicherung einsetzt.
Zu Beginn der gut besuchten Veranstaltung äußerte sich SPD-Ortsvereinsvorsitzende Bente Reimer dankbar dafür, dass der Gastprofessor der berühmten amerikanischen Havard-Universität die Einladung der Geltinger Genossen ohne Umschweife und Vermittlung durch die Landespartei angenommen hatte. Der gebürtige Dürener, der laut "Spiegel" von politischen Gegnern wegen seiner intellektuellen Schärfe "gefürchtet" werde und in Berlin aufgrund seiner TV-Präsenz den Spitznamen "Karlchen Überall" trage, geißelte die Kostenexplosion im Gesundheitswesen, die alljährlich die Versicherungsnehmer mit vier Prozent mehr an Ausgaben belaste. Lauterbach nannte eine geradezu niederschmetternde Zahl: Jeder zweite der über 50-Jährigen sei chronisch krank. Die Behandlungen würden immer teurer. Es stelle sich bei alledem grundsätzlich eine ethische Frage, die zugespitzt so lautet: "Soll einem 90-Jährigen noch unter hohem finanziellen Aufwand eine künstliche Hüfte implantiert werden?" So hart es klingt: Jeder Ältere, der beispielsweise einen Herzinfarkt überwunden habe, könne dann noch für teures Geld einige Jahre bis in die Demenz weiterleben.
Wie stark MdB Karl Lauterbach in die Berliner Parteiarbeit eingebunden ist, zeigte sich, als er seinen Vortrag wegen eines Handy-Anrufs unterbrechen musste. Der Anrufer war SPD-Chef Sigmar Gabriel. "Er lässt euch alle herzlich grüßen", sagte Lauterbach, wieder zurück am Podium.
Lauterbach forderte in Gelting eine Reform des Gesundheitssystems, beklagte die von der FDP propagierte "Kopfprämie" für alle Versicherten, weil von dieser lediglich die Großverdiener profitierten, sie die kleinen Leute aber in die soziale Kälte führe. Das Gegenmodell, die Bürgerversicherung, werde mit Sicherheit kommen, "wenn die Liberalen nach der nächsten Wahl aus dem Bundestag verschwunden sind", sagte der SPD-Politiker voraus.
Im Gespräch mit den Bürgern in Gelting drehte sich alles um die Grundstruktur der Finanzierung des Gesundheitswesens. Die Dreigliederung besteht aus Beiträgen der Versicherungsnehmer, der Arbeitgeber und aus dem erhöhten Steueraufkommen der Reichen. Sorge bereitet vor allem den Rentnern und Geringverdienern die Ungewissheit, ob sie später imstande sind, ihren Anteil aufzubringen. Eine andere Frage: Lassen sich die Großverdiener tatsächlich mit höheren Steuern zur Kasse bitten, damit die Rechnung aufgeht? Gesundheitsökonom Lauterbach kann dies nur hoffen, aber ein Hellseher ist ja auch er nicht.
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