FLENSBURGER TAGEBLATT
Der "innere Bedenkenträger" ist jemand mit einem wichtigen Bedürfnis
Flensburg. "Berufliche Zukunft - vom Grübeln zum Handeln kommen" - das ist das Thema des Vortrags mit Workshopcharakter am Donnerstag ab 19 Uhr in der Phänomenta. Referentin Silke Luinstra, Diplom-Kauffrau, arbeitet seit Jahren unter anderem als Karrierecoach. Am Donnerstag spricht sie in der Reihe "Fit fürs Berufsleben" von Osterberg-Institut und Schleswig-Holsteinischem Zeitungsverlag (sh:z) in Flensburg.
Frau Luinstra, welche Unterschiede erleben Sie zwischen Personen, die sich beruflich verändern wollen und solchen, die dazu gezwungen sind?
Diejenigen, die zu einer Veränderung gezwungen sind, hadern verständlicherweise häufig zunächst mit ihrem Schicksal. Es ist ein starker Einschnitt, wenn man den Job verliert - die Erfahrung habe ich selber gemacht. Anschließend sind es dann aber oft genau die Menschen, die mit Energie an einer neuen Orientierung arbeiten. Arbeitnehmer, die sich gerne verändern würden, es aber nicht müssen, fragen sich sehr lange: Soll ich, oder soll ich nicht? Dann kommen all’ die Gedanken: Was, wenn es schief geht? Kann ich das überhaupt?
Warum ist es für einen Arbeitnehmer oft so schwer zu sagen, was er gut kann?
Es fällt uns allen schwer, unsere Fähigkeiten zu benennen, weil sie für uns so selbstverständlich sind. "Wieso, das ist doch nichts Besonderes, das kann doch jeder", höre ich häufig, wenn ich mit Menschen herausarbeite, was sie gut können. Da hilft es manchmal, die Frage zu stellen, wer das alles nicht kann.
Sind Selbständige oder Unternehmer darin besser?
Teilweise. Sie sind ja gezwungen zu beschreiben, was sie können, damit sie das am Markt anbieten können. Das gilt insbesondere für Dienstleistungen. Aber viele Unternehmer können die Frage danach, was sie und ihr Unternehmen besonders gut können - was die Mitbewerber so nicht können - oft auch nicht
spontan beantworten.
Was raten Sie Arbeitnehmern, die ihr Schicksal in die Hand nehmen möchten, es aber nicht schaffen?
In sich hineinzuhören. Herauszufinden, was er sich von einer Veränderung erhofft - weshalb er sie gerne herbeiführen möchte. Genauso aber auch zu schauen, was ihn davon abhält, wovor er Angst hat. Es ist absolut natürlich, dass wir vor Veränderungen zunächst auch Angst haben. Eine gute Frage in dem Zusammenhang ist auch: Was gebe ich durch die Veränderung auf? Wie sehr wird mir das fehlen?
Wie wird man seiner "inneren Bedenkenträger" am besten Herr?
Indem man einen zugegebenermaßen nicht ganz leichten Schritt geht: Hinterfragen, was dem Bedenkenträger wichtig ist. Wenn ich einen inneren Finanzminister habe, der jeden Gedanken an eine Veränderung gleich mit finanziellen Argumenten torpediert, kann ich fragen: Was ist dem wichtig? Das ist dann oft so etwas wie "ausreichend Geld zum Leben", "Sicherheit, dass jeden Monat Geld kommt" usw. Da kann ich dann in den Dialog einsteigen: Wie viel ist ausreichend? Wie in einem Team bespreche ich mit meinem "inneren Bedenkenträger" mögliche Lösungen, die sein Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit genauso bedienen wie meinen Wunsch nach Veränderung. Wichtig dabei ist die Haltung: Der "innere Bedenkenträger" ist jemand mit einem wichtigen Bedürfnis, das es zu integrieren gilt.
Wie kann jemand, der gerade seinen Job verliert, dies als Chance begreifen?
Akut meistens gar nicht. Da ist Wut und Trauer über das, was ich verliere. Das ist natürlich dann besonders heftig, wenn es den Hauptverdiener in der Familie trifft. Nach der akuten Phase der Wut und Trauer ist es für viele eine Chance, noch einmal neu über ihr Berufsleben nachzudenken und sich die Frage zu stellen, was sie gut können und gerne tun und daraus neue berufliche Wege zu erschließen. Beispiele gibt es viele: Die Bürokauffrau, die heute eine Schulküche leitet; der Betriebsjurist, der seine Leidenschaft für Naturschutz entdeckt hat und heute Öffentlichkeitsarbeit für eine Naturschutzorganisation macht. Auch in der Familie kann es ungeahnte - positive - Folgen haben. Frauen, die länger mit den Kindern zuhause waren und sich einen Wiedereinstieg nicht so recht zugetraut haben, beginnen einen neuen, bereichernden Berufsweg.
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