FLENSBURGER TAGEBLATT

 

Der Evakuierungsexperte aus Flensburg

28. Juli 2010 | 04:40 Uhr | Von Carlo Jolly


Besuch beim Evakuierungssimulateur: Flensburgs Bundestagsabgeordneter Wolfgang Börnsen hatte sich bereits vor drei Wochen bei Tim Meyer-König angemeldet – weil seine Firma TraffGo vom Bundesforschungsminsterium gefördert wird (siehe Text rechts). Beim Gespräch drei Tage nach dem Drama von Duisburg hatte er nun ganz andere Fragen. Foto: dewanger

Tim Meyer-König (36) ist nicht erst seit dem Wochenende ein gefragter Experte. Der Diplom-Schiffbau-Ingenieur aus Flensburg gehört zum fünfköpfigen Team der Firma "TraffGo HT", die in der Simulation von Fußgängerströmen und Evakuierungen international im Geschäft ist - auch im maritimen Sektor, wo die Anfänge des 2001 gegründeten Unternehmens zu finden sind: "In meiner Studienzeit an der Uni Duisburg entstand aus meiner Studienarbeit zur Personenstromsimulation auf Schiffen ein Forschungsvorhaben am Institut für Physik von Transport und Verkehr", erzählt der Flensburger. Aufgrund der Nähe zur Kundschaft von der FSG bis zum Germanischen Lloyd bildet Meyer-König sozusagen die norddeutsche Niederlassung des in Duisburg firmierenden Unternehmens. Auf Schiffen muss nachgewiesen werden, wie schnell im Ex tremfall evakuiert werden kann. "Es gibt sehr wenige Daten zu Personenströmen - und unser Simulationsmodell ist extrem effizient", sagt der Ingenieur.

Dass die Duisburger Firma der Love-Parade ihre Dienste schon 2009 angeboten hat, lag nahe. Doch die Simulationsofferte des TraffGo-Teams hatten die Veranstalter im Frühjahr noch ausgeschlagen: "Ein Jahr lang haben wir unsere Leistung angeboten", sagt Tim Meyer-König. Erst als es zwischen Love-Parade-Veranstaltern und den Duisburger Behörden anhaltend unterschiedliche Auffassungen zu den Notausgangsbreiten gab, ist TraffGo Anfang des Monats doch noch mit einer Evakuierungssimulation des Güterbahnhof-Geländes beauftragt worden. Welche Erkenntnisse die Veranstalter dadurch gewonnen hätten? "Dadurch wussten sie, wie lange eine Evakuierung dauert und wo Staus entstehen", sagt Meyer-König. Wobei es ja bei der Love-Parade gar nicht mehr zu einer Evakuierung kam - die Tragödie nahm ja beim gleichzeitigen Besucherzu- und Abstrom zum Festival-Gelände ihren Lauf. Meyer-König sitzt in seinem Home-Office in Adelbylund und sagt: "Intern haben wir gerade begonnen, die Befüllung des Geländes zu simulieren." Solange die Rampe einen freien Personenstrom auf das Gelände ermöglicht, dürfte der Menschenfluss selbst bei den Gegebenheiten des Tunnels kein Problem sein, so die Ad-Hoc-Expertise. Der Ingenieur bleibt vorsichtig, er kennt die Details auch nur aus dem Fernsehen und der Zeitung. Aber wenn wirklich noch zusätzliche Absperrgitter die Rampe verengt hätten und über den gleichen Weg Raver das Gelände schon wieder verlassen wollten? Wie gesagt, Meyer-König will nicht aus der Ferne urteilen.

Das Drama im Güterbahnhofstunnel nennt der Simulationsforscher ein dramatisches lokales Ereignis und gibt zu bedenken: "Dass der Druck vorne so hoch wird, dass die Menschen keine Luft mehr bekommen, kriegt weiter hinten schon gar niemand mehr mit."

All die Fragen, die jetzt gestellt werden, kann der Fachmann aus Flensburg auch nicht beantworten: Zum Beispiel, warum die Notausgänge nicht geöffnet wurden. Tim Meyer-König nennt ein Gegenbeispiel: "Im Fußballstadion funktioniert der Zu- und Abstrom, weil es viele kleine Ströme gibt. Das Risiko ist immer da, wenn sie große Ströme haben." www.traffgo-ht.com

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