ECKERNFÖRDER ZEITUNG
Gesang wie feines Tuch
Eckernförde. "Das war echt große Klasse, muss ich sagen." Die Zuhörer waren voll des Lobes. Beim Verlassen der Borbyer Kirche hörte man immer wieder Worte der Anerkennung und der Begeisterung. Zuvor hatten die jungen Abiturienten des weltberühmten Dresdner Kreuzchores mehr als eineinhalb Stunden berückende Beispiele ihrer Kunst geboten.
Das Programm von "canta d’elysio" (unter künstlerischer Leitung von Hermes Helfricht) umfasste geistliche, aber auch weltliche Stücke: Es begann mit dem "Ave Maria" von Jakobus Gallus, gefolgt von dem ebenfalls auf lateinisch verfassten "Tenebrae factae sunt" ("Es ward Finsternis") von Tomás Luis de Victoria. Das Lied handelt von der Kreuzigung Jesu, von den von ihm gesprochenen Worten "Mein Gott, warum hast du mich verlassen" und dem ergreifenden Moment, in dem er seinen Geist in die Hände Gottes befiehlt. Das Publikum schien nach jedem letzten Ton die Luft anzuhalten, lang hallten die schönen Stimmen innerlich nach. Die Musik ergriff die Menschen, hier und da nickten Köpfe anerkennend und ausdauernd, kein Husten und kein Räuspern unterbrach die Stille. Auf Johann Sebastian Bachs Stück "Gott, wie groß ist deine Güte" folgte "Pater Noster". Feierlich und kraftvoll, sanft und stark zugleich nahm einen das gesungene Vater Unser gefangen.
Das umfangreiche Programmheft lieferte zu jedem fremdsprachigen Stück die deutsche Übersetzung, was dem Zuhörer half, Inhalt und Bedeutung der Lieder zu erfassen und im Ausdruck des Gesangs bestätigt zu sehen. Wie aus einem einzigen Körper, wie aus einem vielkehligen Organismus setzte der Ton ein, erhob sich sanft, schwoll an, wurde kräftig.
Nach einem wunderbaren "Der Mensch lebt und besteht" von Hans Georg Nägeli, das so fein, so mild und so perfekt abgestimmt aus der Tiefe der Borbyer Kirche zu kommen schien, konnte sich das Publikum nicht länger halten. Es honorierte den Gesang mit ehrlichem, lautem Applaus. Hermes Helfricht leitete über zu vier kleinen Gebeten des Franz von Assisi, die Francis Poulenc im 20. Jahrhundert komponierte: "Es geht nicht so leicht ins Ohr, hat aber sicher seinen Reiz. Vielleicht gefällt es Ihnen ja..." Und setzte schmunzelnd leise nach: "Ich bin davon überzeugt." Das Publikum lachte und dachte wohl, ganz norddeutsch, bei sich: "Keine Bange..." Die französisch gesungenen Texte boten eine Vielzahl von Nuancen, Akzentuierungen und überraschender Tonalität.
Der Abend der hochkarätigen Absolventen, die sich jetzt alle unterschiedlichen Studienfächern widmen, wartete im zweiten Teil mit Trinkliedern aus dem neunzehnten Jahrhundert, aber auch mit Stücken von Billy Joel und den Beatles auf - wobei sich Joels Stück "The Longest Time" als schwer zu singen erwies und nicht zu den Lieblingsstücken des Abends gehörte. "Yesterday" dagegen perlte wieder glasklar von den Wänden der Borbyer Kirche.
Ein Bild blieb: Das war Gesang wie feines Tuch, wie aus delikatem Garn gewebt, mal mit goldenem Faden, mal mit silbernen Streifen. Mal wie Seide, mal wie zarter Taft, mal mit eingewebten Ornamenten, mal wie das teuerste Gewebe aus Kaschmir und Seide.
Maria Meyenborg, die auf Anregung ihrer Bekannten Hanna Schmidt, beide Eckernförde, mitkam, kaufte am Ende eine CD des Chors. "Ich bin überwältigt von den Stimmen."
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