ECKERNFÖRDER ZEITUNG
Farbenpracht von zarter Hand
Eckernförde. Sie sind in etwa auf Augenhöhe - der 1,63 Meter große Papagoyenvogel der Gelbe Westengilde und seine kreative "Visagistin" Claudia Klinck. Die 22-jährige Auszubildende ist in die Fußstapfen ihres Vater Hans-Peter getreten und hat dem Gildevogel sein farbenprächtiges Gefieder verliehen. In bester Familientradition hat die junge Frau den richtigen Blick in Sachen Farbgestaltung und weiß, wo welcher Strich am besten zur Geltung kommt. Jeder Gildevogel ist ein Unikat, und das aktuelle Exemplar muss besonders schön geraten sein, denn es gab viel Lob von allen Seiten. Vor allem vom fachkundigen Vorstand, allen voran Schützenmeister und Holztechniker Kelvin Stapelfeldt. Nur die blauen Augen, die hat ihr Vater, der Malermeister, beigesteuert. Ansonsten hat Claudia Klinck die 20-stündige Arbeit am Vogel viel Spaß gemacht: "Das ist mal etwas anderes" - Fortsetzung gerne im nächsten Jahr.
Der Rohstoff für den große und 30 Kilogramm schwere Papagoyenvogel, der am Pfingstmontag am Strand vor der Stadthalle für das Königsschießen am folgenden Tag gerichtet wird, wurde eigens von Schützenmeister Kelvin Stapelfeldt im Forst von Norbert Klagges auf Gut Marienthal geschlagen. Der Holzfachmann hat eine Erle ausgewählt, aus der er Rumpf, Klauen, Fügel, Kopf, Krone und Zepter herausgearbeitet, zusammengefügt, verleimt und verzapft hat. Ende Mai kam der "Papagoy" in die Malerwerkstatt am Jungfernstieg, wo er seit 38 Jahren und nun in dritter Generation bemalt, beflaggt und verziert wird. Dabei spielen die Eckernförder und die Schleswig-Holstein-Farben eine wichtige Rolle. Bis kurz vor Pfingsten wird der Papagoyenvogel im Maklerbüro des Gildebruders Guntram Zastrow in der Bahnhofstraße 1/Ecke Kieler Straße Süd als Blickfang ausgestellt. "Fast zu schade zum Beschießen", sagt Gilde-Pressesprecher Jörg Czarnowski. Doch das dürfte die 25 bis 30 Schützen kaum daran hindern, am Dienstag nach Pfingsten die historischen Flinten und Büchsen anzulegen, um den prachtvollen Holzvogel aufs Korn zu nehmen.
Bei den Gelben Westen fiebert man der Ausrufung des neuen Königs in diesem Jahr besonders entgegen. Grund ist die um ein Jahr verlängerte Amtszeit der amtierenden Majestät "Günter de Architektonische" (Günter Haß), der sich nur deshalb verpflichten ließ, weil im Vorjahr partout kein neuer König finden ließ. "Wir hören öfter ein Nein als ein Ja", sagt Schützenmeister Stapelfeldt, der zum auserwählten kleinen Zirkel gehört, der Einblick in die Schießliste und damit in die Nominierungsprozedere hat. Hinter jedem Schützen steht eine Nummer, die wiederum den Gildemitgliedern zugeordnet sind, die König werden können. Der Abschuss des Gildevogels erfolgt nach einem festgelegten Abschussplan, der eingehalten werden muss - bei einem Fehlabschuss gibt es trotzdem einen der begehrten Silberlöffel, aber auch die Finanzierung einer "Tonne Bier" als Strafe.
Und während die Schützen abstinent ihrer Profession nachgehen müssen, dürfen sich ihre Gildebrüder bei Freibier auf die anstehende Königproklamtion vorbereiten. Günter Haß macht seinem potentiellen Nachfolger Mut: "Es macht Spaß und ist vom Aufwand überschaubar". Am Abend des 14. Juni werden die Eckernförder wissen, ob jemand "angebissen" hat.
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